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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Schallende Ohrfeigen statt Streicheleinheit

MAINZ. Als die Jury des Deutschen Kleinkunstpreises entschied, Gerhard Polt 2009 den Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz zu verleihen, begründete sie dies wie folgt: Hier werde das „Prinzip des abschreckenden Beispiels“ gepflegt und zwar von einem, der den Deutschen „mit gescheitem heiligen Zorn zeige, wie sie wirklich sind“. Dass die Juroren damit Recht hatten und haben, stellte Polt treffsicher wie eh und je auch mit seinem Auftritt beim Mainzer Zeltfestival unter Beweis.

Als Wolf im Schafspelz spielt der 67-jährige schnörkellos und unprätentiös den naiven Spießer, der in seine Suppe stiert. Polt aber richtet seinen Weitblick hinter dieser Maske weit über alle Tellerränder hinaus und schlüpft beherzt in verschiedene Rollen.

Da ist der Bürgermeister von Bad Hausen, der seine Kurgäste über die Ortschronik informiert: „Hier waren schon ganz große Künstler: der Mozart und der Hansi Hinterseer.“ Auch sei man auf so manchen prominenten Gast stolz: zum Beispiel Hermann Göring, auch wenn man ihm seine Ehrenbürgerschaft „gzwickt“ habe: „Damit die Journalisten a Ruh geben.“ Und der unschlagbare Standortvorteil von Bad Hausen? „Das nächste Asylantenheim ist 48 Kilometer entfernt – das hat man noch nicht mal in Kärnten!“

Polts Pointen sind meist schallende Ohrfeigen, die als Streicheleinheiten beginnen. Der Bayer schleicht sich an und um sein Publikum herum – zum Beispiel im höchsten Diskant als Schicki-Micki-Mieze, die nach dem Benefiz-Lobster-Essen auf den Virgin Islands – „zugunsten von dena Tiramisu-Geschädigten“ – an einem „Gastronomic Adventure Trip“ teilnimmt und sich gesättigt durch das „Carpaccio vom Koala“ bei den Menschenfressern im australischen Busch erkundigt, ob sie denn auch ja kein britisches Beef anbieten. Polt haut einem seinen Knalleffekt wie ein nasses Handtuch um die Ohren und ist einfach der unübertroffene Meister der entlarvenden Pointe.

Es ist eben dieses Biedere, das Polt so gut gestalten kann. Da nimmt man auch schon mal dankbar den Ratschlag eines erfahrenen Biergärtners an, der weiß, warum man das kühle Blonde eben nur aus dem Glaskrug trinken sollte: „Der Auswurf ist die Auster des kleinen Mannes“, resümiert der Lehrer bierernst wie wohlwollend, so dass man sich als echter Polt-Jünger auch hier wie eben jener „Lungenhering auf der Schaumkrone“ wohlig im amüsanten Ekel aalt.

Flankiert werden diese garstigen Gags vom rustikalen Spiel der multimusikalischen Biermösl Blosn, die mit Polt seit 30 Jahren Erfolge feiern. Mit dem Gstanzl erzeugen die Brüder Christoph, Hans und Michael Well stimmgewaltig und auf Gitarre, Zitter, Tuba, Harfe, Flöte, Trompete, Saxophon, Akkordeon und Drehleier die perfekte Mixtur aus Blödelei und kunstvollem Witz mit politischem und gesellschafts-kritischem Zungenschlag.

Derb und erfrischend kantig lassen sie die bayrische Folklore hochleben und verteidigen sie gegen das rundgelutschte telegene Pendant. Weiß-blau durchwirkt wird das Ganze durch deftige „Musi“ wie das Divertimento Bavarese, zeitgenössische Jodelklassik oder rassige Rhythmen aus Spanien.

Wie Polt haben auch sie einen „gescheiten und heiligen Zorn“, der sie gegen Vorurteil und Spezl-Wirtschaft oder Kruzifixe im Swinger-Club zu Felde ziehen lässt. Die Anspielungen sind stets aktuell und arbeiten Nachrichten von heute mühelos in Nummern aus 30 Jahren ein. Arcandor, Quelle oder Bayerische Landesregierung? Kein Problem: Im zeitgemäß aufgemöbelten Sketch von der „Schilda Response GmbH & Co. KG“ geht es um die gut vergütete Übernahme von Fremdverantwortung: „Man kann von Politikern doch nicht verlangen, die Verantwortung zu übernehmen. Die sind doch ständig unterwegs, um neue Schäden zu verursachen…“

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