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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Prügelknaben der Nation?

MAINZ (13. März 2012). Eigentlich ist es ein gutes Zeichen: Die Politiker vor Ort und in Berlin haben die Politikverdrossenheit trotz unbezahlten Rotweins, Handy- und Dienstwagenverträgen, des Verrats von Idealen oder nicht gehaltener Wahlversprechen offenbar noch nicht so genährt, dass keiner mehr ins Unterhaus kommt, um politisches Kabarett zu sehen.

Und eigentlich herrscht im Deutschen Bundestag ja Rauchverbot. Doch dem berühmten kleinen gallischen Dorf gleich haben sich sechs unerschrockene Parlamentarier im Keller unter der Kuppel zusammengerottet um zu quarzen, was das Zeug hält: fraktionsübergreifend und fernab aller Partei-Ressentiments! So ziehen die Lenker und Denker links und rechts gemeinsam an der Friedenspfeife. Warum nicht im Raucherzimmer? „Weil wir alle im Gesundheitsausschuss sitzen“, leuchtet es ein.

Wir, das sind die Ensemblemitglieder des Kabaretts „Distel“ aus Berlin: Caroline Lux, die die CDU-Abgeordnete mimt, Timo Doleys (FDP), Edgar Harter (Grüne) und Michael Nitzel (SPD); begleitet werden sie am Piano von Fred Symann (CSU) und Matthias Lauschus (Die Linke) an Schlagzeug, Trompete und Gitarre – selten haben diese beiden Parteien so gut harmoniert wie an diesem Abend. Aber auch die qualmende Koalition funktioniert, denn schließlich haben alle ein Ziel: Weg von der hinteren Bank weit nach vorne!

Zeit und Ort passen für gesalzene Politikerschelte – doch wo täten sie das aktuell nicht? Im Reichstagskeller stehen hingegen zwei Schränke mit 45 Schubladen. Und aus denen bedienen sich die „Disteln“ mit Freude: Da ist der faule Sozi, der seine Bürgersprechstunde montags zwischen 6 und 7 Uhr morgens abhält; die CDU-Frau schwärmt noch immer von ihrer Jugend unter Helmut Kohl; der Grüne sichert den deutschen Soldaten in Afghanistan nicht ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit zu und der FDPler wird von niemandem vermisst, weswegen er schon als Kind nicht beim Versteckspiel mitmischte.

Dass Klischees keine zwei Stunden tragen, wissen aber auch die Berliner und garnieren die thematische Fertigpizza mit schmackhaften Bissen wie dem Sketch um die Lobbyarbeit, in dem die Mafia um Unterstützung bittet, aber auch mit faden Happen wie dem besoffenen Redner. Wenn die Botschaft ist, dass man nur durchs Intrigieren nach oben kommt, fällt sie doch zu platt aus, als dass sich der Adressat ernsthaft angesprochen fühlen dürfte.

Dabei hält die „Kampfzone Bundestag“, so der Name des Programms, durchaus überraschende Nischen bereit, in denen sich bemerkenswerte Ausblicke auftun: Neben bissigen Kommentaren zu den aktuellen Politprotagonisten („Volker Bouffier ist doch nur ein Nachlassverwalter mit dem Charme eines Rolf Eden…“) halten die Parlamentarier ihrem Publikum mitunter blendend den Spiegel vor, indem sie sich als „Prügelknaben der Nation“ besingen. Nach diesem Abend denkt man auf jeden Fall darüber nach, inwieweit man selbst ihnen dieses Gefühl vermittelt – bis zum nächsten unbezahlten Glas Rotwein…

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