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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Den richtigen Ton getroffen

MAINZ (8. März 2014). Anfangs hört man nur zwei berlinernde Stimmen aus dem Off beim Kartenerwerb. Man will ins Kabarett – aber nichts Politisches, sondern mit Niveau. Da soll doch „dieser behinderte Zwergenmensch, dieser abgebrochene Meter“ mitspielen, vernimmt man Thomas Quasthoffs Organ: „Das hat er sich sicherlich operieren lassen.“ Wer den contergangeschädigten Sänger kennt, weiß, wie gelassen er mit seinem Handicap umzugehen versteht – wer ihn nur auf der Bühne gehört hat, erschrickt fast ein bisschen ob dieser Flapsigkeit.

Und dann steht er auf der Bühne des Frankfurter Hofs, grapscht mit der rechten Hand nach dem Flügeldeckel, bringt sich herrlich albern in Positur und beginnt, begleitet von Jochen Kilian, mit Schuberts „Winterreise“. Doch halt: „Das ist Kunst“, interveniert Michael Frowin und Quasthoff kontert, er könne nichts anderes. Von wegen: An diesem Abend holt er das nach, was ihm seine Kollegin Brigitte Fassbaender anlässlich seines Ritterschlags zum Kammersänger sagte: „Du wärest sicher ein glänzender Kabarettist geworden.“

Es geht um Kunst oder das, was eben keine ist. Quasthoff singt davon, dass alles geadelt zum Artefakt werden könne, man müsse es nur vorher sagen, Smoking tragen und dann Tantiemen kassieren. Zum Beispiel das Privatfernsehen mit dem Dschungelcamp, in dem die Kakerlaken bereits eine Botox-Abhängigkeit entwickelt hätten. Die Kunst sei frei und bei „DSDS“ oder „Supertalent“ dürfe jeder mitmachen, der nichts könne: „Das aber besonders gut.“ Werbefinanziert und mit Häme betrieben bekäme hier jeder seine Chance – und wenn es irgendwann als Leiche im RTL2-Format „Autopsie“ sei.

Bissig und mit einer unglaublichen Fähigkeit zur Selbstironie erweisen sich beide Mimen als grandiose Schauspieler: Wenn Frowin Blockflöte spielen will, wird Quasthoff zum grienenden Choleriker. In herrlichen Foyer-Gesprächen lassen sie selbsternannte Kulturexperten zu Wort kommen, geißeln die Verweigerung des Blicks über den Tellerrand und das Lästern über steuersubventionierte Kunst.

Jeder bekommt hier sein Fett ab: Die unverständlich formulierende Ausstellungs-Rezensentin anhand einer tatsächlich im Deutschlandfunk gesendeten und von Frowin auswendig vorgetragenen Kritik, bei der durchaus Fremdschämen angesagt ist. Überhaupt die Erfahrung mit Kritikern! Quasthoff kann hier als vielfach ausgezeichneter Sänger aus dem Vollen schöpfen.

„Keine Kunst“ ist klassisches Nummernkabarett, mit dem alle Bereiche der Kunstwelt und ihrer Protagonisten genüsslich seziert werden: Markus Lanz interviewt Hitler, der seine Schuld zugibt: Er war es, der die Autobahnen dereinst nur zweispurig baute. Zum Schluss kommentiert Quasthoff, den Frowin vom Bärtchen befreit hat: „Selbst angeklebt ist‘s eklig.“

Selbstverliebte Künstler und Irrwege in die telegene Kochkultur, die katholische Kirche mit ihrem Wertekodex, Kunst im öffentlichen Raum oder die Bildungsmisere in deutschen Landen bis hin zur lauten Randbemerkung, dass angesichts der Vorkommnisse auf der Krim oder in Syrien kaum ein Künstler Stellung beziehe: „Keine Kunst“ zeigt, dass Frowin und Quasthoff das tun, was das Markenzeichen des guten Sängers ist: Sie treffen den richtigen Ton. Chapeau!

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