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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Laute Erziehungsmethoden

MAINZ (14. September 2010) Rabenväter und -mütter sind ja eigentlich keine netten Zeitgenossen. Es sei denn, sie heißen Gerd Knebel („Badesalz“) und Olaf Mill („Türzueszieht“), die man auch als die Frontmänner der Offenbacher Band „Flatsch!“ kennt. Mögen sie dem Wortsinn nach auch die eigene „Brut“ vernachlässigen – sie tun es, um richtig gut Musik zu machen und sich dabei unterhaltsam und mächtig über manche Themen aufzuregen.

Das Mainzer Unterhaus, in dem die „Rabenväter“ jetzt ein Gastspiel gaben, ist freilich nur bedingt geeignet für die lauten Erziehungsmethoden der Vollblutmusiker: Instrumental- und Vokalklang kommen einfach zu mächtig daher. Wobei dies auch der einzige echte Kritikpunkt dieses Abends sein dürfte. Denn was die beiden da machen und wie sie es tun, hat eine ganz eigene Klasse.

Knebel schlägt die Gitarre, wobei er auch stets gleich den fehlenden Bass ersetzt und Mill erweist sich nach allen Saiten hin als Multitalent auf der Steel Guitar, der Ukulele und der Geige, die er mit dem Kleiderbügel „streicht“; außerdem kann er auch mit dem Blech kräftig den Marsch blasen. Der Stil von „Rabenväter“ ist kerniger Rock mit geschmackvollen Einsprengseln aus Jazz und Folk – genauso eigenwillig wie die Selbst-Beschreibung ihrer Texte, die „schwarz-doof-nett-böse-gerade“ daherkommen.

Kann man sie also im weitesten Sinne als Liedermacher bezeichnen? Da der Begriff rechtlich nicht geschützt ist, ja. Der Unterschied dürfte das Anliegen sein: Wollen Künstler vom Format eines Mey, Wader oder Wecker mit ihren Versen originär etwas bewirken, nutzten die „Rabenväter“ ihr rasantes Vehikel der Musik zum plakativen Statement, das in erster Linie komödiantisch wirkt, wenn die Themen durchaus auch des Nachdenkens wert sind: das Zölibat, die Bildungsschere, mit Chemie belastetes Fleisch und natürlich der perfide Song, in dem Politiker schweigeminutiös um die Wählerschicht der Sportschützen bangen.

Wenn man sich für die Sinnsuche zuweilen auch arg strecken muss, so haben die anderen Songs ebenfalls ihren Pepp: Die Frage an den Dalai Lama, warum er sich mit Roland Koch knipsen ließ, der Rat an die potentielle Kunststudentin, im Hinblick auf Hitlers originären Beruf des Anstreichers doch etwas anderes zu lernen oder das Malheur, dass die Freundin ausgerechnet am 11. September Geburtstag feiert. Auch in den zuweilen köstlich badesalzigen Zwischenmoderationen Knebels schimmert immer wieder der destruktive Anarcho-Humor durch, der in knapper Kürze freilich schneller wirkt als in langen Liedern. Die aber klingen besser.

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