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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Griff in die Mottenkiste

MAINZ (14. Oktober 2010). Der Kabarettist und Parodist Reiner Kröhnert pflegt für seine Programme stets tief in die protagonistische Mottenkiste zu greifen und fördert zuweilen bereits gefühlt mumifizierte Politprominenz zu Tage, um ihnen die ewig gleichen Plattitüden zu entlocken: „Die Renten sind sicher“, schallt es daher auch diesmal verblümt von der Bühne, wenn er dem einstigen Sozialminister die historischen Visionen auf die Lippen persifliert.

Das aktuelle Programm Kröhnerts heißt „Das Jesus Comeback“, wobei man noch nicht mal die fünf Finger einer Hand braucht, um die gegenwärtig noch amtierenden Opfer seines Spotts aufzuzählen: Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Ronald Pofalla und der Papst. Alles andere ist kalter Kaffee: Peter Hintze, Werner Herzog, Michel Friedmann, Nobert Blüm, Friedrich Merz, Erich Honecker.

Und Klaus Kinski, denn eine Handlung hat Kröhnert natürlich auch zusammengekloppt: Der kommt nämlich als Jesus zurück und soll prompt Ehrenvorsitzender der CDU werden. Warum, scheint nicht so wichtig. Der ruppige Mime poltert also munter drauf los und bezichtigt die Politik der Heuchelei. Das ist zwar gut gebrüllt, bietet aber nur bedingt neue Einsichten.

Stattdessen versteigt sich Kröhnert in geschmacklose Peinlichkeiten, wenn er seinen Jesus Kinski ein Wunder vollbringen und Schäuble wieder laufen lässt: „Es bitzelt und puckert im kleinen Zeh.“ Und der Papst meint, die Juden sollten sich doch bitteschön mal für die Kreuzigung entschuldigen, bevor sie die Holocaust-Rechnung aufmachten.

Solche derben Passagen verschütten leider durchaus gelungene Pointen, wenn Kröhnert Merkel beteuern lässt: „Ich bin nicht die Männer mordende Machtmatrone mit miesen Manieren, sondern helfe Parteifreunden wie Rüttgers oder von Beust nur beim Loslassenkönnen.“

Auch wenn Kröhnert zur Sicherheit immer die Namen seiner Rollen nennt, haben sie doch eigentlich einen recht hohen Wiedererkennungswert: Der Kanzlerin hängende Lefzen, Schäubles Dialekt, Pofallas Glätte oder das päpstliche Wimmern könnten sich so gut verbinden mit Kröhnerts unbestrittenem Talent, mit der Sprache zu jonglieren – allein die Form reicht nicht, um den fehlenden Inhalt zu kaschieren.

Als einzig greifbare Aktualität hadert Jesus Kinski mit der politischen Klasse (von der an diesem Abend seltsamerweise nur die Christdemokraten ins Visier genommen werden) beim Thema Afghanistan. Ansonsten lässt sich für Kröhnerts Kunst im „Jesus Comeback“ ein Honecker-Zitat leicht abwandeln: „Vorwärts nimmer, rückwärts immer.“

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