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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Flickenteppich ohne roten Faden

MAINZ (18. April 2011). Als der Kabarettist Thomas Reis Anfang Dezember sein Unterhaus-Gastspiel gab, hinderte der plötzliche Wintereinbruch den Rezensenten an der Wahrung seiner Chronistenpflicht. Die aktuellen Temperaturen erlaubten jetzt aber die pünktliche Anreise zum „Reisparteitag“, wobei man sich am Ende des Abends doch eher gerne an die glatten Straßen aus dem Vorjahr und den unerwartet freien Abend erinnerte. Denn das, was Thomas Reis in seinem aktuellen Programm vorstellt, erinnert über weite Strecken eher an eine ungehobelte Materialsammlung, die noch zur abendfüllenden Pointen-Revue geschmiedet werden will.

Bereits zu Beginn verließ ein Zuschauer beherzt den Saal: „War der Einstieg zu düster?“, fragte sich Reis kokett selbstkritisch. Doch der Anfang war noch das Beste: „Mein Pessimismus hat resigniert“, merkt der Kabarettist und wagt einen gekonnten Überblick über die aktuellen Themen: „Die Wasserwerfer, die früher gegen Atomkraftgegner eingesetzt wurden, sollen jetzt das Gemüt des Reaktors kühlen“, wundert sich Reis und fordert „Schwerter zu Schöpfkellen“. Die FDP setze mit ihrem neuen Vorsitzenden – „Der ist jetzt 32; andere wären in diesem Alter schon 62…“ – jetzt voll auf das Kindchenschema: „Dabei steht sie unter Welpenschutz.“

So weit, so gut. Doch wann beginnt er nun endlich, dieser „Reisparteitag“? Der viel versprechende Titel wird indes nicht umgesetzt. Immer wieder streift der Namensgeber die Thematik, will „Stärken stärken und Schwächen schwächen“, letztendlich alles Schlechte genau so weitermachen: „Aber besser!“ Immer wieder greift Reis Politiker-Zitate auf und kommentiert scharfzüngig: „Angela Merkel will mehr Christentum. Aber was bedeutet das: Mehr Kreuzigungen? Mehr Missbrauch?“

Was diesem „Reisparteitag“ aber eindeutig fehlt, ist Struktur. Zu oft springt der Mime, nuschelt und brabbelt, so dass die Pointen im Seichten versinken. Der Abend wirkt wie ein Flickenteppich ohne roten Faden: Es gibt viele gute Gags, die ohne Format jedoch fade und zahnlos daher kommen, wobei sich Reis zuweilen auch deutlich im Ton vergreift.

Da erinnert man sich gerne an die Antwort seines Kollegen Horst Schroth auf die Frage, was ein Kabarettist dürfe und was nicht: „Alles“, meint der erst vor kurzem im Unterhaus spielende Künstler. Doch schließt dieses „Alles“ eben auch ein, dass man den Stil wahrt: Reis‘ Nummer über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche ist viel zu grobschlächtig, geschmacklos.

Und überhaupt bleibt im Argen, was einem dieses Kabarett eigentlich sagen möchte? Da ist ein Zitat des Kabarettisten selbst erhellend, ja entlarvend: „Man kann kein Auto nur mit der Hupe lenken.“ Und wenn man es versucht, fährt man eben auch einen „Reisparteitag“ mit Fortune gegen die Wand.

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