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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ein Eulenspiegel mit Resonanzraum

ELTVILLE (14. August 2015). „Der Protagonist, ein Musiker, sitzt da, trinkt, wird vielleicht ein bissel besoffen. Er fängt an, über sein Leben zu reden, dann fällt ihm ein: ‚Um Gottes willen! Schon so spät! Ich muss ins Theater…‘ Er geht ab. Der Vorhang fällt. Aus.“ So fasst Nikolaus Paryla, der 1981 im Münchner Cuvilliéstheater die Uraufführung (und das Stück selbst seither hunderte Male) spielte und inszenierte, in einem Interview mit der Welt am Sonntag Ende 2012 Süskinds „Kontrabass“ zusammen.

Die Geschichte ist wunderbar erzählt, gespickt von Anspielungen, Klischees, Übertreibungen, kleinen Gemeinheiten, selbstironischen Bonmots – es braucht noch nicht mal ein kompliziertes Bühnenbild: ein Kontrabass, ein CD-Spieler, ein paar Flaschen Bier, zum Schluss einen Frack, das war’s. Und natürlich einen Schauspieler, der den Überdruss des dargestellten Musikers überzeugend spielt.

Walter Renneisen ist so einer. Ihm nimmt man die Griesgrämigkeit sofort ab – schon allein, wie er die Bühne betritt, angeekelt vom Künstleralltag mit dem Rücken zum Publikum Musik hört, um dann, von den Umständen wie vom Selbstmitleid gleichermaßen gepeinigt, mit dem Auditorium ins einseitige Gespräch zu kommen. Allein im Aufbau des Werkes liegt eine solche Symbolik: Im schallisolierten Raum steht ein Mensch, der die Außenwelt entweder als störend oder bedrohend sieht und dennoch mit ihr in Kontakt zu treten versucht.

Renneisen, der den „Kontrabass“ auch im Rahmen des Rheingau Musik Festivals schon des Öfteren gespielt hat, ist hier in seinem Element, lässt sich gänzlich auf die Figur ein. Zu Beginn hat Intendant Michael Herrmann dem Publikum im überdachten Gutsausschank der Domäne Rauenthal versichert, man werde spätestens nach zehn Minuten vergessen haben, das es hier keine Rückenlehne wie im Staatstheater Wiesbaden gebe. Er behält Recht. Und Renneisen hat daran einen Löwenanteil.

Er geht vollkommen auf in dieser Tragikomödie. Das Publikum steigt mit ihm in Höhen hinauf, von denen er hochmütig hinabblickt und fährt ebenso rasant in die Täler seiner Gefühlswelt, wenn er erzählt, wie sehr ihn das einsame Einerlei zermürbt. Fast fühlt man schon dramatisch mit, wenn er sein Instrument, das er zuvor beschimpft und fast zerschlagen hat, zärtlich liebkost, als wäre es die Angebetete. Bei allem Humor, der Süskinds „Kontrabass“ innewohnt – diese Szene hat eine grandiose Tiefe.

Das Publikum ist darüber hinaus ein Dankbares: Musikkundig kann es die Scherze auf Kosten der Kunst goutieren und unterstreicht das „Wagner-Bashing“, dass Süskind seinen Protagonisten ausspeien lässt, mit lautem Lachen. „Prodesse et delectare“, nützen und erfreuen soll die Kunst in Anlehnung an ein Zitat des Dichters Horaz (der allerdings ein Entweder-oder postulierte). Der „Kontrabass“ mit Renneisen erfüllt tatsächlich beide Forderungen, denn neben zahlreichen Schenkelklopfern lädt diese Inszenierung durchaus auch zur Nabelschau ein.

Der Einakter hat mittlerweile mehr als 30 Jahre auf dem Buckel – irgendwann war er „durch“. Und doch hat heute wieder eine spannende Aktualität: Ein relativ gut situierter Mensch, jener Musiker, hat eine feste Stelle als Beamter, ist unkündbar, verdient nicht wenig und kann, so der Außenstehende, seiner Profession nachgehen: Drei Stunden täglich Probe, abends vier Stunden Konzert, geübt wird ja nicht. Eigentlich ein Traum, oder?

Doch dieser Musiker ist unglücklich – nicht nur verliebt in die für ihn wohl unerreichbare junge Sopranistin mit dem Gold in der Kehle. Er verzweifelt am goldenen Käfig, in dem er sich wähnt, möchte ausbrechen, ist jedoch von der Angst vor der Zukunft außerhalb der „Gitterstäbe“ wie gelähmt.

Wie viele Menschen gehen wohl heute, 34 Jahre nach der Uraufführung des „Kontrabass“, einer Tätigkeit nach, die sie nicht erfüllt, sondern auslaugt? Wie viele trauen sich angesichts vielleicht schlechter Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht, mit einer Situation zu brechen, die sie körperlich ernährt, doch seelisch hungern lässt? Vielleicht blickt so mancher Zuschauer in Renneisens Antlitz wie in einen Spiegel…

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