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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kloster Eberbach weicht Baumarkt

KIEDRICH (5. Juli 2017). Wie er da so lehnt in gestreiftem Wams, mit Schlapphut und lässig auf einem Strohhalm kauend – ohne die Information des Programmhefts, dass er den „Knippelino“ spielt, hätte man Michael Quast kaum wiedererkannt: In der köstlichen Adaption des „Monsieur de Pourceaugnac“ von Moliére, die jetzt an einem wunderbaren Sommerabend im Eberbacher Klosterhof zu sehen war, führt er eine ganze Riege großartiger Mimen an, für die Rainer Dachselt die französische Komödie einfach mal ins Hessische übersetzt hat.

Statt Paris Frankfurt, statt Monsieur de Pourceaugnac der Herr von Wutzebach, wie das Stück denn auch heißt. Und es funktioniert grandios, weil alle mit Feuereifer dabei sind und die Handlung mit dem Dialekt noch ein ganzes Stück realer wirken lassen: Volkstheater im besten Sinne also, wie es das Rheingau Musik Festival hier präsentiert: Nicht ohne Grund sind auch viele Produktionen des Hamburger Ohnsorg- oder des Kölner Millowitsch-Theaters immer wieder gern gesehene Klassiker und erwies sich in den 1960er Jahren die TV-Serie „Familie Hesselbach“ als Straßenfeger.

Im „Herrn von Wutzebach“ wird gebabbelt, dass es nur so kracht – untermalt von einem kleinen Barockensemble aus Violine, Oboe, Fagott und Theorbe, vom Cembalo aus geleitet von Rhodri Britton und mit grauem Dreispitz uniformiert. Womit man auch schon beim einzigen Kritikpunkt wäre: Der Lully, den die Künstler hier spielen und mit dem sie dann auch den Gesang der Schauspieler begleiten, klingt zuckersüß und passt perfekt – gerne hätte man hiervon ein wenig mehr gehört. Vielleicht ja in weiteren Aufführungen mit ein paar Takten des großen Franzosen zwischen den Szenen? Das wäre fein!

Ansonsten bleibt kein Wunsch offen, weil kein Auge trocken: Der Herr von Wutzebach (saftvoll: Matthias Scheuring) aus Scheppstadt begehrt das Frankfurter Bürgerrecht und möchte hierfür Amalie Fischbein (anmutig aufgedreht: Pirkko Cremer) heiraten, deren Vater (in seiner Autorität herrlich lächerlich: Philipp Hunscha) den Ehebund vor allem aus pekuniärem Interesse vorantreibt. Doch die Holde ist in Dieter Leimpfann (wunderbar tapsig: Dominic Batz) verliebt. Ihr zur Seite springen neben dem Intriganten Knippelino dessen Freundin Lottche (pfiffig: Katerina Zemankova) sowie die Gauner Madeleene (clownesk: Ulrike Kinbach) und Muckefritz (rustikal: Alexander J. Beck). Die Lumpen sorgen dafür, dass der Herr von Wutzebach immer mehr zur Witzfigur und die Hochzeit schließlich abgesagt wird.

Vor braunem Tuch als Hintergrund sind die allesamt bezaubernd spielenden Akteure in ebenso geschneiderte Kostüme von Anna-Sophie Blersch geschlüpft und von Katja Reich konturenreich geschminkt. Die karikaturenhafte Übertreibung und so mancher Mundwinkel, Nase oder Augen betonende Strich hauchen den Figuren zusätzlich brodelnde Vitalität ein, die jeder höchst unterhaltsam am Kochen hält.

Und dann der Dialekt: Man wird automatisch mitten hinein gezogen in diesen aparten Mummenschanz, dem nicht nur Knippelino Quast in Kostüm- und Rollenwechseln ordentlich Tempo schenkt: Mal untersuchen Doctores den armen Wutzebach, singen eine Ode aufs Klistier und diagnostizieren bei ihm die „närrisch Kränk“; mal fordert ein italienischer Mercatore (Knippelino/Quast) angebliche Außenstände ein; mal beschuldigen ihn vermeintliche Gattinnen der Bi- und Trigamie – samt stechenden Beweisen und krakeelendem Nachwuchs, bis ihn Knippelino als Richter (dank eines Schemelchens plötzlich an die drei Meter groß) in roter Robe und mit grauer Perücke (ist das etwa Rohrisolierung?) zum Tod durch Hängen verurteilt. Der sympathische Gauner ist es schließlich auch, der den Verurteilten dank „Spenden“ am Ende wieder raushaut und Dieter Leimpfann (gegen eine „Spende“) den entscheidenden Tipp gibt, Herrn Fischbein für sich und damit die Hand Amalies zu gewinnen.

Ein herrliches Spektakel und ein toller Abend, den man hier im Rheingau Musik Festival erleben kann. Doch wie lange noch? Denn die Schlusspointe lässt Schlimmstes befürchten: Nach Scheppstadt zurückgekehrt hat Advokat von Wutzebach das Klosterareal gekauft und unterbricht den frohen Schlussgesang mit der Information, dass hier in Kürze ein Baumarkt mit großem Parkplatz (immerhin!) entstünde, die Abrissbagger warteten schon vor der Tür. Und tatsächlich stehen an der Biege, in der die Kloster-Eberbach-Straße am Kiedricher Ortseingang in die Bingerpfortenstraße übergeht, Baufahrzeuge – hoffentlich nur als zufällige Requisite…

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