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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Saftige Jahresendabrechnung

MAINZ (9. Jabnuar 2012). Nach dem Genuss dieser „Schlachtplatte“ müsste in der politischen Szene eigentlich das lautstark erbetene „Schweigen der Lämmer“ zu hören sein – wenigstens ein Mal. Doch diese Fortune wird den vier Metzgermeistern Roland Griess, Achim Konejung, Jens Neutag und Wolfgang Nitschke kaum beschieden sein, denn die Protagonisten im Reichstag erweisen sich wie gehabt immun gegen die gewetzten Messer der vier Scharfrichter. Das mag diese grämen, das Publikum hingegen freut’s, kann es sich doch nach Silvester wieder an einer neuen Jahresendabrechnung laben.

Nachdem das Unterhaus 2012 mit feucht-fröhlichen Musical-Tönen begann, schrie das Tagesgeschehen ja förmlich nach politischer Kurskorrektur aus dem Munde berufener Kabarettisten. Die vier Mimen der „Schlachtplatte“ gehören zweifelsohne zu den besten, schmecken ihr Buffet mit scharfer Zunge ab und garnieren es genüsslich mit gehaltvollen Pointen. Ob Neutag Bundespräsident Wulff, die „sprechende Spanplatte mit dem Charisma eines Sack Rindenmulchs“, angreift, Griess als provokanter Proletarier in der Oper parliert, Nitschke genervt nörgelt oder Konejung am Klavier Erlösung aus der Zinsbindung seiner Kapitalanleger erfleht – jede Nummer sitzt.

Das Jahr 2011 war ja auch ein dankbares für das Kabarett: Fokushima und die innenpolitischen Folgen, die FDP mit ihren zwei Prozent („Besser geht’s doch gar nicht!“), Dioxinskandal, Merkel, Westerwelle, Pofalla („Stellen Sie sich mal vor, das seien Ihre Kollegen…“) und die Eurokrise. Letztere inspiriert zu einer genial-minimalistischen Nummer: Vor einer stilisierten Europa-Fahne mit bereits drei abgeklebten Sternen spielt Konejung nur ein paar Takte Sirtaki und das hochamüsierte Publikum weiß Bescheid.

Wolfgang Nitschke erweist sich einmal mehr als brillanter Kommentator, liest pikiert aus dem „Kölner Buch der Religionen“ und führt Tagebuch zu „Zuzuzu“, zitiert die Medien über „den Politfuchs, die Lichtgestalt, die Stilikone, den Volksversteher, den Protagonisten der Bescheidenheit, Eleganz und Ehrlichkeit“, erinnert sich an Merkels Freudenausbruch anlässlich Bin Ladens Erschießung („Tja, Frauen in Führungspositionen…“) oder koloriert den Papstbesuch mit Luther-Zitaten.

Keine Frage: diese „Schlachtplatte“ mundet auch überzeugten Vegetariern und lädt ein, mal richtig reinzuhauen. Vokal tun dies Griess, Neutag, Nitschke und Konejung mit intelligentem Witz, Lust am Provozieren und geistreicher Spielfreude. Angst, dass man im nächsten Jahr darben muss, ist dabei unnötig: Diese „Schlachtplatte“ ist thematisch ja ein „Tischlein deck‘ Dich“…

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