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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mit norddeutscher Gelassenheit

MAINZ (6. November 2014). Tradition ist bekannterweisen nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme. Und so halten es auch Simon & Jan, die mit ihren Gitarren durchaus an die gute alte Zeit der Liedermacher vom Schlage eines Reinhard Mey oder Hannes Wader erinnern. Aber sie sind jung. Und ebenfalls (schon) richtig gut.

War es wirklich nur Mitgefühl, das Simon Eickhoff und Jan Traphan verspürten, als sie ihren Musikerkollegen Andi Rüttger mit auf Tour nahmen? So, wie Jan das erzählt, mag man das fast glauben. Aber er sagt auch, dass das Duo großer Fan von dem langen Schlacks mit der beeindruckten Rasta-Mähne ist. Und so, wie er als „Vorgruppe“ da am Klavier parliert, dürften an diesem Abend im Unterhaus einige Anhänger dazukommen.

Er singt vom Zahnarztbesuch, bei dem er sich in die schmucke Assistentin verliebte und für ein baldiges Wiedersehen seither seine Mundkeramik nicht mehr pflegt. Er singt von Ulf, dem Handwerker mit zwei linken Händen und zehn Daumen, seinem Stehtisch-Fetisch, einer Liaison von Mensch und Busch oder covert mutig Funny van Dannens „Schilddrüsenunterfunktion“ – leger und gekonnt das Ganze, ansprechend und grundsympathisch.

Genau wie seine „Gastgeber“ Simon & Jan, die ihm hiermit hoffentlich aufs Gleis helfen. Der Solist und das Duo aus dem niedersächsischen Oldenburg macht an diesem Abend herausragend gutes Liedkabarett mit Witz, Geist und Musikalität. Im Gegensatz zu Rüttger musizieren Simon & Jan an der Gitarre: Allein ihr Spiel ist schon Erlebnis, so schwerelos und doch kraftvoll kommt es daher. Gepaart mit den originellen Texten potenziert sich das Gehörte.

Simon & Jan schildern ihre Sicht der Dinge, wobei es durchaus von Vorteil ist, dass Muttern zuhause mit bewusstseinserweiternden Substanzen kocht: So gefallen ihnen auch die FDP oder Roland Koch – auch wenn beide nicht mehr aktuell sind, funktioniert der Song perfekt. Nicht nur in der Politik beklagen sie, sich wieder mal verwählt zu haben – aber warum wählen sie die Gattin auch per Abzählreim aus?

Die Lieder, die die beiden mit berührender Stimmführung intonieren, erinnern an die Wellen der Nordsee, die an ihr Heimatland schwappt: mal etwas flacher, mal stark und wütend – aber immer mit salziger Würze. Da wundern sich die beiden, warum ausgerechnet die guten und daher gut bezahlten Schauspieler Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen und Jürgen Vogel Werbung für ein Schnellrestaurant machen: „Geld, Geld, Geld“, lautet der Refrain.

Oder warum blieb die Prominenz nicht beim erlernten Beruf: Alice Schwarzer als Sekretärin und Bushido als Lackierer? „Bleib bei Deinen Leisten“, singen sie. Und warum zwingt einen das Internet, Karnickelkotzen anzusehen? Da kann man schon mal ins Zweifeln geraten, was das Duo im religionskritischen Song „Ach Mensch“ auch ironisch gebrochen tut.

Kurzum: Simon & Jan beherrschen das solide Handwerk des Liedermachens mit der Klampfe perfekt und transponieren ihre Texte passgenau zur Musik. Jan Traphan übernimmt die Rolle des Moderators, tut dies aber unaufdringlich und mit norddeutscher Gelassenheit. Der Abend vergeht wie im Flug und wirkt bei aller Professionalität – „Ach Mensch“ ist nach „Der letzte Schrei“ das zweite Programm – erfrischend improvisiert und aus dem Moment heraus geboren. Genau solche Künstler braucht die Kleinkunstszene.

Eine hörenswerte Kostprobe gibt es im Internet unter https://www.youtube.com/watch?v=U0ep_FinRuE&noredirect=1#t .

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