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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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MAINZ (16. Februar 2017). Während Journalisten stets Abstand zum Objekt ihrer Berichterstattung wahren sollten, können Kabarettisten nicht nahe genug an die Mächtigen herankommen, um sie mit ihren Nadelstichen auch gehörig piksen zu können. Auch für manches Programm wird der direkte „Kontakt“ gesucht: Michael Frowin beispielsweise tritt als Merkels Chauffeur auf, Simone Solga ist noch ein Stückchen näher dran – als Kanzlersouffleuse.

Sie ist, erklärt sie dem Unterhaus-Publikum, die Stichwortgeberin: „Das schaffen wir“, und „Dann ist das nicht mehr mein Land.“ – solche Sätze denkt sich Merkel nicht etwa selbst aus, so etwas kommt von Solga. Während andere „verbale Placebos“ von Praktikanten ersonnen würden, agiert sie außerdem als „die Pille der Merkel: um das Schlimmste zu verhindern“.

Das Terrain, auf dem Solgas Programm spielt, ist also geschickt abgesteckt: Die Kabarettistin darf einen thematischen Rundumschlag wagen – solange sie die Chefin im Blick hat, kann sie sich im thematischen Wirrwarr kaum verheddern. Rund zwei Stunden dauert der Auftritt der Insiderin. In Thüringen geboren und in Sachsen aufgewachsen eint sie dabei einiges mit der „Chefin“: Kindheit und Jugend in der DDR, das Blauhemd der FdJ – nur dass George Clooney und jüngst Richard Gere zu Besuch waren, das hat Solga noch nicht geschafft. Ansonsten aber ist sie im Kanzleramt bestens vernetzt und kennt Macken wie Mucken von Ministern.

Wohlfeiles Parlieren über Äußerlichkeiten ist ihre Sache allerdings nicht: Solga hält sich nicht bei Mundwinkeln und Knopfleiste auf, sondern nutzt ihre Rolle als Kanzlerflüsterin seit mittlerweile über drei Jahren für brandaktuelle Betrachtungen der politischen Landschaft. Steinmeier als Präsident, Schulz als Kanzlerkandidat, Merkels Kehrtwenden in der Flüchtlingspolitik – in bewundernswertem Tempo dockt Solga überall an, touchiert ein Thema mal an der Oberfläche, mal widmet sie sich ihm mit Verve.

Die „berufliche“ Nähe zu Merkel gibt ihr natürlich einen konservativen Gout, wobei die per Definition eher linke Schlagseite des Kabaretts dann wieder für eine beachtliche Balance und Ausgewogenheit sorgt: Wo Kollegen nur über die Forderung spotten, man solle die Ängste der Bürger ernst nehmen, kommt Solga nicht umhin, ihrer Chefin vorzuwerfen, auf drängende Fragen schlicht keine Antworten gegeben zu haben und dadurch manches Unbehagen zu befeuern.

Dabei würzt die Kanzlersouffleuse ihre Betrachtungen mit knackigen Bonmots, die stets treffsicher detonieren – ob sie nun selbstkritisch die Verlogenheit der Bürger aufgreift („Ich würde ja einen Flüchtling bei mir aufnehmen – aber ich habe einen weißen Teppich.“) oder Pegida-Frontmann Lutz Bachmann ins Visier nimmt: „Mit Burn-out nach Teneriffa? Früher hatten Nazis noch Schusswunden.“ Und singen kann die Solga auch noch – Fazit: Mehr davon!

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