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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Europa als Idee leben

MAINZ (12. April 2017). Europa – das Thema bewegt nicht nur politisch interessierte Menschen: Auch manche Kabarettisten widmen sich dem Sujet derzeit mit Vorliebe. Erst jüngst loteten Adrian Engels und Markus Riedinger als „Onkel Fisch“ die Grenzen des Staatenbundes aus, jetzt präsentierte Thomas Freitag sein neues Kabinettstück „Europa – der Kreisverkehr und ein Todesfall“ – und damit nach „Der kaltblütige Herr Schüttlöffel“ erneut herausragendes Theaterkabarett allererster Güte.

Diesmal gibt er den für Kreisverkehre zuständigen EU-Beamten Peter Rübenbauer, der nach einem Verkehrsunfall eine Nahtoderfahrung erlebt; hier wird ihm sein bisheriges Wirken für den Staatenbund vor Augen geführt. Natürlich bietet Europa dem Satiriker wunderbare Angriffsflächen und Freitag spart selbstverständlich nicht mit klugem Spott. Den verteilt er auf verschiedene Rollen, die er als talentierter Schauspieler natürlich selbst (und das unterhaltsam überzeugend) spielt.

Da ist der protestantische Attentäter aus Schwaben, auf den im Himmel 36 Sozialpädagoginnen mit Doppelnamen warten und der Leistungsbereitschaft und Optimierung predigt. Da ist der bayerische Bürgermeister, der über EU-Lebensmittelverordnungen zetert, sowie ein Herr Drempel aus Holland, der die tempolimitierenden Straßenschwellen erfand und für eine Entschleunigung wirbt. Schließlich hat auch Göttervater Zeus seinen Auftritt – mittlerweile auf 450-Euro-Basis in der Taverne „Poseidon“ beschäftigt.

In den begeisterten Szenen- und erst recht den langen Schlussapplaus mischt sich durchaus Bewunderung für dieses erstklassig strukturierte Programm mit seinen vielen Höhepunkten: Dazu zählen der zynische Briefwechsel Rübenbauers mit seinem Patenkind in Afrika („Lieber Herr, vielleicht treffen wir uns ja mal im Mittelmeer…“), die Kritik an den neuen Medien oder der Raum, in dem sich nichtbeachtete Talkshow-Themen wie Altersarmmut, Chancengleichheit und Klimaschutz langweilen, weil der islamistische Terror die Sendepläne beherrscht – all das ist hochintelligent und eindringlich im Vortrag.

Doch Freitag, der als Domain seiner Internetadresse bewusst nicht das nationale „.de“, sondern die der EU („.eu“) wählte, ist überzeugter Europäer. Natürlich genießt er es, an den Schwachstellen der Union zu kratzen. Aber er hält eben auch eine mitreißende Rede, in der er von 70 Jahren Frieden und Freiheit spricht und die Idee von Grenzenlosigkeit und Großzügigkeit hervorhebt. Angeblich wollen 30 Prozent der im EU-Parlament sitzenden Abgeordneten aus der Union austreten – wer Thomas Freitag aufmerksam zuhört, muss anderer Meinung sein oder werden.

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