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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Auf dem Zeitstrahl des Aberwitzes

MAINZ (5. September 2013). Zum Saisonstart ein volles Haus – gutes Zeichen oder typisch für den Künstler, der da auf der Bühne sein neues Programm austestet? Man wünscht dem Unterhaus von beidem etwas: Omen für eine erfolgreiche Spielzeit auf Deutschlands wichtigster Kleinkunstbühne und natürlich ebenso gute Auguren für Tobias Mann.

Wobei der sich um das Futurum kaum Sorgen macht: „Verrückt in die Zukunft“ heißt seine aktuelle Show, die er derzeit in regionalen Vorpremieren rundfeilt. Gemessen an der Stimmung, die jetzt im Unterhaus hohe Wogen schlug, kann er das allerdings entspannt angehen, denn nur das (noch) häufige Linsen ins Textbuch verriet, dass das Programm noch ein „work in progress“ ist.

Nach Lesetour und Hilferuf, dass die Googles kommen – ein kleiner Teil der launigen Abrechnung mit Computer & Co hat es auch ins neue Programm geschafft – zeigt Mann zu Beginn politisch die Zähne: Statt Regieren gebe es seit langem werbewirksames „Merkelting“, da reicht die Flexibilität der Kanzlerin bis zur Chefin einer rot-grünen Koalition – und zwar ohne CSU und FDP, „diesen Darmbakterien der Regierung“. Allerdings ist Kabarett gegen die Kanzlerin schwer geworden: „Das ist so, als wolltest Du einen brennenden Bohrturm auspissen.“ Denn Merkel sei wie eine Zigarette: „Du weißt, dass sie nicht gut ist für Dich – aber sie beruhigt.“

Da ist es kein Wunder, dass Mann im Lied einer mies gelaunten Zukunft begegnet. Angesichts dieser Gegenwart: Als die Nahles jetzt im Bundestag gesungen hat dachte ich erst, es sei die Sponheimer.“ Das wird natürlich per Audioschnipsel eingespielt und tatsächlich zerspringt im Publikum just ein Glas. Auch das TV-Duell wird derart seziert, wobei sich Mann als gewitzter Hofnarr erweist, den die Jetztzeit zum humorigen Wahnsinn treibt.

Bei allem Witz blitzt der Ernst hervor, wenn Fragen gestellt werden: Wer profitiert von der Datensammlung, warum lavieren Politiker wie „Merkels Killerfrettchen Pofalla“ um die Wahrheit herum und wieso regt man sich immer mehr auf anstatt etwas zu ändern? Verpackt in Lied und Wort geht es mit Mach(t) Richtung Futur, wobei Mann gekonnt mit dem Dialekt spielt.

Im zweiten Teil hat er sich richtig warm gespielt: Sympathisch, frech und respektlos, aber mit Geist und Selbstironie begegnet der junge Vater Nutella-Junkies auf Masernparties, erlebt den Leistungsdruck im Laufstall und singt sammelleidenschaftlich die Message vom Messie oder die Ballade von einem, der ins weltweite Netz gegangen ist.

„Verrückt in die Zukunft“ macht die Gegenwart zumindest einen Abend lang erträglich und dürfte auch ohne hellseherische Fähigkeiten ein weiterer Erfolg von Tobias Mann werden. Die offizielle Premiere findet am 16. September im Mainzer Unterhaus statt.

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