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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Herrlich haarsträubende Musik-Comedy

MAINZ (15. Januar 2015). Selbst wenn man ein gültiges Ticket in der Hand hält – die Ankündigung „Fahrscheine bitte“ dürfte so manchem einen Schrecken einjagen. Viel harmloser sind da die „U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern“, die sich das Singen einfach nicht verbieten lassen – so lautete der Titel der „Abschiedstournee“, der mit dem Suffix „immer noch nicht“ in jüngster Zeit diverse „Re-Unions“ folgten. Es wäre auch zu schade, wenn dieses Ensemble gänzlich aussteigen würde.

Ein gültiges Ticket brauchte man auch im ausverkauften Frankfurter Hof, doch die nicht gerade geringe Investition zahlte sich voll aus: für über zwei Stunden beste Unterhaltung mit einer A-cappella-Formation, die nicht so sehr auf hundertprozentige Perfektion oder ausgefeilte Choreografie achtet, sondern bei der der Spaß eindeutig im Vordergrund steht. Das weiß auch das treue Fanpublikum und binnen Sekunden springt der Funke über.

Auf der Bühne stehen Harald Bannoehr, Oliver Hartstack, Matthias Keller, Sebastian Rajkovic und Filippo Tiberia – fünf Vollblut-Vokalisten, denen nichts heilig ist. Erfrischend respektlos covern sie drauf los und liefern dabei hochrespektable Versionen unter anderem von Depeche Modes „Policy of truth“, „Killing in the name“ von Rage Against The Machine oder Rio Reisers „Junimond“.

Hauptsache Spaß: Da wird „Something stupid“, das einst Nancy mit Frank Sinatra und später Robbie Williams mit Nicole Kidman berühmt machten, zu einer herrlichen, ausgerechnet auf dem Wort Katasteramt basierenden Reimorgie und in andere Songs schleichen sich Zitate von Henry Mancini oder das berühmte „Miss Marple“-Thema von Ron Goodwin. Die „tiefgefrorenen Frauenkleider“, die diese singenden U-Bahn-Kontrollöre im Gepäck haben, sind denn auch die Requisiten: Es gibt Don-Kosaken, Babuschkas, Indianer und die Biene Maja – man ist in Mainz schließlich mitten in der Kampagne.

Die A-cappella-Welle ist mittlerweile so reißend, dass die „U-Bahn-Kontrollöre“ keine Exoten mehr darstellen. Deshalb setzen die „Kontrollöre“ mit ihrem Repertoire vor allem auf die Retrospektive. Als Mischung aus den Kölner Wise Guys, den Fantastischen Vier und der Ersten Allgemeinen Verunsicherung gibt es musikalische Blödelei, das aber auf höchstem Niveau.

Denn stimmlich haben es Bannoehr, Hartstack, Keller, Rajkovic und Tiberia voll drauf und mischen sich perfekt – sei es bei Heavy Metal, in der Filmmusik von „Wickie“ oder mit einer ironischen Version von „Nathalie“ von „Mr. 100.000 Volt“ Gilbert Bécaud, die hier allerdings sein unehelicher Sohn als „Mr. 9-Volt-Blockbatterie“ in herrlich haarsträubendem Akzent singt. Ob im Ensemble oder solistisch – man ist einfach hingerissen von diesem scheinbar sinnentleerten Chorgesang, hinter dem sich aber viele Anspielungen und Pointen verstecken. Hinhören lohnt – diesmal hoffentlich wiederum nicht zum letzten Mal.

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