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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ein Höhepunkt jagt den andern

MAINZ (14. Februar 2016). Die Innenstadtkirchen haben diverse Glocken, um die Gläubigen zum Gottesdienst zu rufen. Auch im Mainzer Forumtheater wird fast jeden Abend geläutet: mit der berühmten Unterhaus-Glocke. Einmal im Jahr ertönt sie sogar polyphon: wenn der Deutsche Kleinkunstpreis verliehen wird.

Die wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Kabarettisten geht 2016 in ihr 44. Jahr und wird – mit je 5000 Euro dotiert – in den Sparten Kabarett, Kleinkunst, Musik und Chanson vergeben; die Stadt Mainz stiftet den Förderpreis, das Land-Rheinland-Pfalz den Ehrenpreis. Moderiert wurde die Verleihung von Jochen Malmsheimer.

Ladies first: Für ihre musikalische Komik wurde die bayerische Sängerin Martina Schwarzmann ausgezeichnet. 2005 hatte sie bereits den Förderpreis eingeheimst, jetzt kann sie die Glocke zweistimmig läuten. Die Jury lobte bei ihr, dass sie „mit verschlagenem Charme und grenzenloser Erzählfreude einen schrägen Blick auf das Leben wirft“. In Mainz besang sie makaber und knackig dialektgefärbt Gewichtsprobleme sowie ihre Verwandtschaft und die wohl glücklichste Art der Liaison: eine Ehe zwischen Waisenkindern.

Den Preis für die Kleinkunst teilen sich in diesem Jahr die „Science Busters“ aus Österreich: Martin Puntigam, Werner Gruber und Heinz Oberhummer – wobei letzterer im November 2015 überraschend verstarb. Mit Florian Freistetter wird die Wissenschafts-Comedy jedoch fortgesetzt. Die Zuschauer verblüffte das Trio mit intelligenten Fragen (Puntigam), einer Jonglage mit paralleler Aufzählung von diversen Nachkommastellen der Zahl Pi (Freistetter) und kalter Rührei-Zubereitung mit Alkohol und Puderzucker (Gruber).

Thomas Maurer erhielt den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett. Für die Jury ist er ein „Künstler, der seine pointierten Analysen und exakten Satiren über die Hintergründe gesellschaftlicher Übel und die Mechanismen der Macht dramaturgisch aufwändig zu variieren versteht“. Damit hat sie mehr als Recht: Der Österreicher spielte wortgewandt und intelligent mit dem Begriff der Toleranz und deckte dabei die Machtlosigkeit der Vernunft gegenüber rechtem Dummgeschwätz auf. Dieser deprimierenden Einsicht begegnet er jedoch mit inspirierender Wut.

Was ist Kabarett, was Kleinkunst? Die Grenzen sind oft fließend. Wie gut man mit zwei Gitarren auf diesem stilistischen Wellenkamm reiten kann, zeigen Simon Eickhoff und Jan Traphan. Der Humor ist fein, die Musik handgemacht, der Witz treffsicher: Das Duo singt von den Leiden des jungen Mozart, kotzenden Karnickeln auf Youtube und Werbung machenden Schauspielern. Vor der Verzweiflung bewahrt sie einzig, dass ihre Mütter mit Drogen kochen. Der Irrsinn der digitalen wie der analogen Gegenwart – selten wurde er so zugespitzt und eindringlich angepackt. Die Jury nannte die beiden „leise, hinterhältig, hintergründig und manchmal böse“ – hierfür gab es den Förderpreis der Stadt Mainz.

Der Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz ging schließlich an den Grand-Seigneur des wohldurchdachten Nonsens: Helge Schneider. Der von der Jury als „Tausendsassa, der vor keiner noch so irren Idee zurückschreckt“ bezeichnete Schneider passt in keine Schublade. Er war der Clown des Abends und machte selbst aus dem Hinsetzen eine großartige Nummer. Seine mit klassischen Zitaten gespickte wie hochvirtuose Pianisten-Karikatur war ebenso subversiv wie das Spiel mit der Publikumserwartung. Und natürlich hab es auch wieder „Katzeklo“.

Die Preisverleihung wurde aufgezeichnet und ist an folgenden Terminen zu sehen: auf 3sat am 21. Februar um 20,15 Uhr, im ZDF am 26. Februar um 1.20 Uhr sowie auf ZDFkultur am 27. März um 21.45 Uhr.

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