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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Schriller die Glocken nie klingen

MAINZ (6. Dezember 2011) Bei Nessi Tausendschön weiß man zum Glück nie, woran man ist: Gehört der Riss im Kleid, der kurz vor Beginn ihres Unterhaus-Gastspiels mit einer Sicherheitsnadel notdürftig geflickt wurde, zum Programm? Erfrischend unvorhersehbar füllt sie mit Schwung ihren „Weihnachtsfrustschutz“ in das von Christmas-Gedudel und Lebkuchen gemästete Gemüt, rüttelt am gefühlten Christbaum, bis keine Nadel mehr hängt. Und weil ihre eigene Tanne nicht riecht, behängt sie sie mit Duftbäumchen von der Tankstelle, denn: „Nichts ist mehr wie früher und für alles gibt’s Ersatz.“

Nessi Tausendschön sendet ihre verwirrenden Botschaften als bewussten Störfunk in die vorweihnachtliche Stimmung und handelt bei allem Klamauk mit Kalkül, denn ihre Vermutung, dass Maria das Jesuskund ursprünglich Dieter nennen wollte, ihre Lieder wie „Die Welt ist schlecht, doch an Weihnachten wird alles gut“ oder aktuell gefundene Konsumgüter wie Stehkeksausstecher oder Toilettenpapier mit Rentieraufdruck und Spekulatiusduft haben genauso wenig mit Weihnachten zu tun wie entsprechende Schaufensterdekoration im September.

Am Flügel begleitet von Markus Schinkel, der während fliegender Kostümwechsel der Künstlerin mit „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ im Stile von Beethoven, Smetana und verjazzten Klängen auch solistisch glänzt, singt die Tausendschön eigenwillige Versionen von Weihnachtsliedern, für die sie sich hernach stets entschuldigt: „Aber es macht so viel Spaß, sich so etwas auszudenken.“

Und das nicht nur ihr: Wenn Sie die singende Säge zum Klingen bringt, ein swingendes „Santa Baby“ anstimmt und ins Mini-Megaphon ein Gitarrensolo jault, einen östlichen Cantus „auf kyrillisch“ und mit „Es ist ein Los entsplungen“ chinesische Weihnachten intoniert oder „Jingle Bells“ als Rap, Opernarie, Volksmusik und Reggae verulkt, bestaunt man sprühenden Witz und hohe Kunstfertigkeit der begnadeten Sopranistin gleichermaßen.

Nessi Tausendschön brilliert in jeder ihrer Rollen: Sie gestaltet als Ausdruckstänzerin Begriffe wie Missgunst, Myxomatose oder Bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE) und spielt die schüchterne Gabi Pawelka nach ihrem Seminar „Selbstsicheres Auftreten bei totaler Unzulänglichkeit“ auf der Suche nach dem Traummann. Sprachlich formuliert sich die Kabarettistin in die Seele des Silben-Gourmets, wenn sie aus ihrer siebenbändigen Biografie mit dem Titel „Es kann nur eine geben“ vorträgt und geistig knallt der Sektkorken auch, als Tausendschön den besoffenen Schutzgeist gibt, der als weinerlicher Rauschgoldengel auf seiner Wolke friert.

Nach über zwei Stunden Hochleistungskleinkunst gegen falsche Beschaulichkeit kommt man langsam wieder zur Besinnung und weiß, dass die derzeit aktuelle Hutmode aus Nikolausmützen mit oder ohne blinkende Bommel einzig die Weihnachtsfähigkeit ihrer Träger dokumentiert. Einem frohen Fest steht also nichts mehr im Wege.

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