Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Kleinkunst

Ordentlich „Wildes Holz“ in der Hütte(n)

MAINZ (20. Oktober 2015). Sie führt ein Schattendasein, die Blockflöte: Im großen Sinfonieorchester hat sie keinen Platz und auch in den klassischen Kammermusikbestzungen ist sie nicht zu finden. Allenfalls barocke Komponisten wie Antonio Vivaldi widmeten ihr Konzerte, ansonsten fristet sie ihr Dasein als Instrument mehr oder weniger williger Musikschüler, wenn sie nicht durch Bearbeitungen ins Rampenlicht gehoben wird.

Genau das tut das Ensemble „Wildes Holz“: Tobias Reisige hat Blockflöte an der renommierten Folkwang-Universität in Essen studiert und ist wahrscheinlich deutschlandweit der einzige diplomierte Jazz-Blockflötist; Anto Karaula spielt die Konzertgitarre und Markus Conrads brilliert am Kontrabass, dem er einer Karriere als ausgebildeter Informatiker den Vorzug gab. Die musikalische Biografie der drei sympathischen Künstler zeigt vor allem eines: Sie eint eine unbändige Liebe zur Musik in all ihren Spielarten, egal ob Klassik, Jazz oder harter Rock.

Im Unterhaus spielte „Wildes Holz“ jetzt das Programm „Astrein“ und sorgte schon mit dem ersten Song dafür, dass die Hütte brennt: Selten springt der Funke so unmittelbar über wie bei diesem Trio. Das liegt natürlich vor allem am grandiosen Können und am Mut, das Grenzübergreifende der Musik wörtlich zu nehmen: Ob „Wild Boys“ von Duran Duran, „Born this way“ von Lady Gaga oder „I want you back“ von den Jackson Five – gekonnt zwingen die Künstler die größten Hits in das hölzerne Korsett ihrer Instrumente, ohne das die Ohrwürmer Schaden nehmen.

Tut man Anto Karaula und Markus Conrads Unrecht, wenn man den Fokus auf den Dritten im Bunde lenkt? Gitarre und Bass sind geläufig – aber die Blockflöte in all ihren Registern von der Sopranino- über Sopran-, Alt- und Tenor- bis zur Bass-Blockflöte ist der Star des Abends. Tobias Reisige spielt sein Instrument hochvirtuos und doch wirkt es völlig unverkrampft. Hier kommt der Jazzer zum Vorschein, flankiert von seinen Kollegen, die alles aus ihren Instrumenten rausholen, wenn sie eine melodische Percussion-Batterie abgeben – nicht umsonst heißt der Kontra- auch Schlagbass.

Auf dem Programm stehen neben Stevie Wonders „Sir Duke“, Ludwig van Beethovens „Pathétique“ mit dem traumhaft schönen Adagio cantabile des zweiten Satzes und Wolfgang Amadeus Mozarts „Rondo alla turca“ auch ansprechende Eigenkompositionen, allen voran die atmosphärische „Herbstmelodie“, eine Art Passacaglia, die mit ihrem Duktus an die „Nuove Musiche“ des Frühbarock erinnert.

Das sind die richtig schönen Momente des Konzerts, denn die Arrangements wirken durch die Wiederholung der eingesetzten Stilmittel über kurz oder lang doch ein wenig redundant. Doch bevor Langeweile aufkommt, reißt „Wildes Holz“ zum Schluss das Steuer rum und begeistert unplugged mit „Mr. Bojangles“ von Sammy Davis jr. und (wieder unter Strom) „Highway to hell“ von ACDC samt der Choreographie von Lead-Gitarrist Angus Young.

zurück