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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mit wenigen Tönen alles gesagt

MAINZ (17. März 2013). Domkapellmeister Karsten Storck hat viel riskiert mit dem jüngsten Domkonzert, denn die Johannespassion von Arvo Pärt (*1935) aufzuführen erfordert ohne Zweifel ein gehöriges Quantum Mut: Zu spröde wirkt dieses Werk als Musik, zu klaffend ist die Lücke zur „gewohnten“ Johannespassion eines Johann Sebastian Bach. Und doch: Das Kirchenschiff ist so gut wie bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Mainzer sind überraschend neugierig – und sie werden nicht enttäuscht.

Wie ein Aufschrei erklingen die ersten Akkorde, die auf Latein ankündigen, was in den nächsten 70 Minuten erzählt werden wird: „Passio Domini nostri Jesu Christi secundum Joannem“, zu Deutsch: das Leiden unseres Herrn Jesus Christus nach dem Evangelium des Johannes. Dann hört das Publikum die Passionsgeschichte – ebenfalls auf Latein, der Sprache der Kirche. Es musizieren die präzise vorbereitete und mit anrührendem Ernst intonierende Domkantorei, die Solisten Victoria Braum (Sopran), Frederik Bak (Tenor) und Johannes M. Kösters (Bariton), begleitet von einem Kammerorchester aus Violine, Violoncello, Kontrabass, Oboe und Fagott sowie Daniel Beckmann an der Domorgel.

Exemplarisch stellt Storck mit diesem Werk den „Tintinnabuli-Stil“ Arvo Pärts vor: Der Komponist arbeitet minimalistisch, verwendet wenige Stimmen; sein Mittel ist der Dreiklang, der wie ein Glöckchen (Tintinnabuli) erklingt und sich mit den um ihn herum gruppierten Tonreihen vermischt, in ihnen versetzt spiegelt. Die Grenzen der Harmonie werden durchlässig, so dass auch ständig auftretende Reibungen und Dissonanzen ihren Platz haben. Besonders die hallende Akustik des Mainzer Domes kommt diesem Werk entgegen.

Im Gegensatz zu barocken Passionsoratorien beschränkt sich Pärts Johannespassion auf zwei Solisten: Pilatus (Bak) und Jesus (Kösters), dem die Orgel einen Glorienschein schenkt. Der Evangelientext aus dem 18. und 19. Kapitel des Johannesevangeliums wird abwechselnd von einer Sopranstimme (Braum) und einem Solistenquartett gesungen, das Storck mit 16 ausgewählten Stimmen der Domkantorei exzellent besetzt hat. Die Turbachöre, die Jesu anklagen und seine Kreuzigung fordern, werden von der Domkantorei ergreifend angestimmt.

Ohne Zweifel: Diese Musik beschäftigt einen, denn man verhält sich ihr gegenüber nahezu zwingend ambivalent. Spricht sie zu einem oder kann man ihre Botschaft nicht vernehmen? Arvo Pärts Johannespassion zu hören ist auf jeden Fall eine große Herausforderung, vielleicht genau so groß wie die an die Musizierenden sie adäquat wiederzugeben. Beide werden an diesem Nachmittag überreich beschenkt: durch Momente, die weit über die Begrenzung der Partitur hinausgehen. Und das zeigt, dass sich Mühen wie Kosten, ein solches Werk zur Aufführung zu bringen, auch lohnen (Foto: Wikiepdia/Woesinger).

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