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MAINZ (18. Mai 2014). Gelegentlich kann sich der Mainzer Domkapellmeister Karsten Storck gelassen zurücklehnen, wenn in „seinem“ Hause Chormusik erklingt – dann nämlich, wenn andere als die eigenen Chöre ihre Stimmen erklingen lassen. Mit einem Auftritt der Augsburger Domsingknaben setzte die Musica sacra jetzt die Reihe „Psallite Deo – Knabenchöre zu Gast im Mainzer Dom“ fort.

Zu Beginn dieses Gastspiels bereitete der Mainzer Domchor seinem bajuwarischen Pendant ein klangvolles Willkommen und sang Motetten aus vier Jahrhunderten, darunter wunderbare Interpretationen von Sergej Rachmaninoffs „Bogorodize Djevo“ und des 43. Psalms „Richte mich Gott“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Dann stellte der Leiter und Gründer der Augsburger Domsingknaben, Domkapellmeister Reinhard Kammler, sein mit 38 Stimmen äußerst schlank besetztes Ensemble auf, um sich stilistisch auf einem schmaleren Zeitkorridor zu bewegen: Renaissancemusik von Balthasar Resinarius und Orlando di Lasso über Robert Parsons und Giovanni Gabrieli bis zu Leonard Lechner und Gregorio Allegri stand auf dem Programm, das die Gäste aus der Fuggerstadt für ihr Mainzer Publikum vorbereitet hatten.

Keine Frage: Für den konzertierenden „A-Chor“ sucht sich Chorleiter Kammler natürlich die besten seiner Knaben aus, die intonatorisch beeindrucken und stilsicher die anspruchsvollen Motetten, die sich bis zur achtstimmigen Doppelchörigkeit aufspreizen, singen können. Und natürlich ist ein kleiner Chor wendiger als eine große Besetzung.

Da erklingt das „Pater noster“ von Jakobus Gallus äußerst transparent und besonders in den Motetten, die der Dirigent in verschiedenen Aufstellungen im ganzen Dom singen lässt, potenziert sich der Chorklang zuweilen mit berauschendem Dolby-surround-Effekt: Allegris „Miserere mei“ mit berückend schönem Knabensolo, ein dynamisch effektvoll abschattierter Männerchor im byzantinischen Cantus „Hymnos akathistos“ oder Andreas Raselius‘ „Also hat Gott die Welt geliebt“ mit polyphonem Echo – die Augsburger Domsingknaben imponieren mit Stimmschönheit und deutlicher Diktion.

Allein der Dirigent hätte agogisch deutlichere Akzente setzen können: Zwar ist die Drosselung der Tempi eine gute Möglichkeit, der ausladenden Akustik im Mainzer Dom zu begegnen, doch verliert dieses „Salz in der Suppe“ schnell seine Würze, wenn es zu Lasten der rhythmischen Finessen der Komposition geht: Dann ist die Kurzweil schnell dahin und auch das eigentlich spannende Resultat der akustischen Raumnutzung wird getrübt, wenn man nicht hin und wieder ein Accelerando setzt.

Gleichviel: Der Besuch der Augsburger Domsingknaben war ein chorisches Erlebnis, denn abseits aller Kritik bleibt vor allem die Bewunderung des Engagements auch der jüngsten Sänger sowie die Begeisterungsfähigkeit eines überzeugenden Dirigenten, was den meisten der deutschen Knabenchöre als gemeinsames Markenzeichen eigen ist. Einen weiteren Vertreter dieser Gattung können die Mainzer begrüßen, wenn es am 2. Oktober wieder „Psallite Deo – Knabenchöre zu Gast im Mainzer Dom“ heißt: Dann nämlich besuchen die Windsbacher die Landeshauptstadt.

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