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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Bach für alle

„Vor ziemlich langer Zeit hat ein Komponist – das ist jemand, der Musik erfindet und sie aufschreibt – sich so über den Geburtstag vom Christkind gefreut, dass er die ganze Geschichte noch einmal in seiner Musik erzählt hat.“ Mit großen Augen hängen die Kinder an den Lippen des Hirten, der vorne im Altarraum der Christuskirche steht.

Doch anstatt seiner Schafe hat der ein ganzes Orchester und den Bachchor Mainz um sich geschart. Dessen „Hirte“ Ralf Otto wiederum hört genauso aufmerksam zu, denn in diesem besonderen Konzert muss er, bevor er selbst die Einsätze gibt, auf den richtigen Punkt in der Geschichte warten.

Das, was dieser Hirte – im richtigen Leben ist Michael Gusenbauer Musiker und spielt im Profi-Orchester L’arpa festante München die Geige – da erzählt, hat zwei Facetten: auf der einen Seite die Weihnachtsgeschichte, auf der anderen die Musik: Bachs Oratorium, das natürlich auch zum Repertoire des Bachchors gehört. Beides hat Gusenbauer zu einem „Weihnachtsoratorium für Kinder“ zusammengefügt und gibt die Geschichte mit vielen musikalischen Beispielen äußerst liebevoll wieder. Oder ist es eher Bachs Musik, die er anhand des gesprochenen Wortes erklärt?

Die Kinder, die die Christuskirche an diesem Nachmittag fast bis auf den letzten Platz füllen, hören auf jeden Fall gespannt zu und 45 Minuten vergehen wie im Flug: Wie hat Bach die jubelnden Engel in Klänge gefasst? Und wie die laufenden Hirten? Mit spitzen Tönen lassen einen die Geigen das „vertonte“ Krippenstroh förmlich spüren und welches Instrument ist wohl geeignet, das Jesuskind entsprechend zu empfangen?

Nicht nur die Kinder haben ihren Spaß – auch die Älteren können hier einiges über Bachs Musik erfahren. Und Ralf Otto, dem Bachchor, L’arpa festante und den Solisten – Kai Wessel (Alt), Georg Poplutz (Tenor) und Konrad Jarnot (Bass) – ist die Freude gerade an dieser „Komposition“ hörbar anzusehen.

Denn seit einiger Zeit stellt sich der Bachchor Mainz die Frage: Für und mit wem musizieren wir wohl in 20 Jahren? In äußerst erfolgreichen Schulprojekten bindet das Vokalensemble immer wieder interessierte Jungen und Mädchen in ausgewählte Chorprojekte ein und verliert trotz des professionellen Anspruchs der musikalischen Arbeit auch die Kleinsten nicht aus den Augen: Gusenbauers „Weihnachtsoratorium für Kinder“ führte der Bachchor bereits zum zweiten Mal auf.

Und vielleicht erinnern sich ja in einigen Jahren die kleinen Zuhörer an dieses Konzert, wenn der Bachchor wieder das „WO“ singt. Bis dahin musizieren Ralf Ottos Vokalisten für die Eltern, die sich in diesem Jahr an zwei Abenden alle sechs Kantaten anhören konnten: Auf gewohnt hohem Niveau interpretierte der Bachchor das komplette Werk gemeinsam mit Sopranistin Ruth Ziesak und den anderen Solisten sowie L’arpa festante München – inklusive Michael Gusenbauer am Pult der Violine…

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