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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Klangvoller Bilderbogen

MAINZ (8. Januar 2012). Was für ein Spaß! Cervantes Romanheld Don Quichotte und sein treuer Diener Sancho Pansa dienten schon vielen großen Mimen als Vorbild, nicht zuletzt dem legendären Komiker-Duo Stan Laurel und Oliver Hardy. Auch Georg Philipp Telemann (1681-1767) ließ sich 1761 vom Witz des spanischen Autors inspirieren und widmete dem „Ritter von der traurigen Gestalt“ ein Singspiel, eine „Comische Cammerballett-Oper“ in fünf Szenen.

Studierende des Exzellenzprogramms „Barock Vokal“ adaptierten den Stoff unter Leitung von Dirigent Prof. Felix Koch und Regisseurin Claudia Isabel Martin jetzt für eine wundervolle Aufführung im „Roten Saal“ der Mainzer Hochschule für Musik.

Als Hintergrund für das Bühnentreiben wählte Telemann die Geschichte um die Hochzeit des Comacho: Don Quichotte und Sancho Pansa erwachen im Freien, wobei sie vor Ort natürlich ihre 05er-Bettwäsche am Mann haben. Sogleich beginnt der Ritter von seinen vermeintlichen Heldentaten zu schwärmen, während der Knecht für Richtigstellung sorgt, denn schließlich stecke er stets die Prügel auch für seinen Herrn ein.

Sie treffen auf Schäfer, die ihnen von der bevorstehenden Hochzeit der schönen Quiteria mit dem reichen Comacho erzählen. Einzig: Quiteria liebt den armen Hirten Basilio, wurde jedoch vom Vater anderweitig versprochen. Don Quichotte ersinnt eine List: Der unglückliche Schäfer soll einen Selbstmord vortäuschen und kurz vor dem Eheschluss „sterbend“ um die Hand der Schönen anhalten – eine Heirat auf Zeit also, in die der Reiche genervt einwilligt. Als Comacho den Schwindel bemerkt, droht Eskalation, die Don Quichotte mit gezücktem Schwert im Keime erstickt. Im Chor wird die Liebe besungen: Ende gut, alles gut.

Die Mainzer Aufführung scheint den jungen Künstlern auf den Leib geschrieben: Begleitet vom Neumeyer Consort sprühen alle Mimen und Musiker vor Spielfreude und zaubern einen klingenden Bilderbogen von hohem Unterhaltungswert auf die Bühne, ohne freilich die musikalische Akkuratesse aus dem Blick zu verlieren. In den Hauptrollen Roman Tsotsalas als Don Quichotte und Julius Vecsey (beide Bariton) als Sancho Pansa: Mutig und forsch der eine, bauernschlau und mit federleichtem Timbre der andere. Besonders Vecsey gibt den tölpelhaften Knecht mit hintergründigem Witz und großem mimischen Talent. Sie ergänzen sich perfekt, nicht nur in der Arie „Wenn ich die Trommel/den Bratenwender höre“.

Auch die weiteren Rollen sind gut besetzt: Aline Wilhemy als Quiteria, Sujin Yang (beide Sopran) als Schäferin, Tenor Christian Richter mit atemberaubend gradliniger Stimmführung als Hirte Pedrillo, Alin Deleanu, dessen rustikal angerauter Altus dem Popanz Comacho gut zu Gesicht steht und schließlich Basilio, dem Tenor Fabian Christen anfangs zu einem etwas blassen Auftritt verhilft. Eine Arie hervorzuheben hieße, andere unerwähnt zu lassen, weswegen Julius Vecseys herrlich komische Esels-Ode und Sujin Yangs unter die Haut gehender Totengesang stellvertretend für eine rundum gelungene Aufführung stehen sollen.

Laut Prof. Felix Koch entstand „Barock Vokal“ aus dem Umstand, dass die Mainzer Hochschule für Musik keinen eigenen Studiengang für Alte Musik anbietet. Mit dem Kursangebot des Exzellenzprogramms soll bei interessierten Studierenden Lust auf gerade dieses Genre geweckt werden. Ohne Zweifel war Telemanns „Don Quichotte auf der Hochzeit des Comacho“ hierfür genau das Richtige: sicht- und vor allem hörbar!

Die nächste Aufführung von „Barock Vokal“ findet am 26. Februar 2012 um 19 Uhr in der Christuskirche statt, wo unter der Leitung von Prof. Ralf Otto (Artist in Residence) Georg Friedrich Händels Oratorium „Semele“ zur Aufführung kommt.

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