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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Pure Leidenschaft

ELTVILLE-ERBACH (21. Juli 2010). „Is it a bird? Is it a plane? – Ist es ein Vogel? Oder ein Flugzeug?“, fragen sich die Passanten im legendären Comic-Strip von Jerry Siegel und Joe Shuster und erkennen, dass es sich denn doch um „Superman” handelt. Beim Celloton, der zur Konzertsoirée in der Kelterhalle von Schloss Reinhartshausen erklingt, darf man sich ebenfalls verwundert die Ohren reiben: „Ist es ein Bass? Oder eine Geige?“ Nein: Es ist Emmanuelle Bertrand, die ihrem Instrument hier ein Tonspektrum von beeindruckender Breite wie Tiefe entlockt. Gemeinsam mit Pianist Pascal Amoyel war sie jetzt zu Gast beim Rheingau Musik Festival.

Schon das Stimmen des Instruments macht Laune: dieser satte, volle Ton, der nach einer kleinen Wirbeljustierung blitzsauber im Raum steht. Bertrand gehört seit Jahren zu den gefragtesten Solisten Frankreichs und bildet mit ihrem Partner Amoyel eine nahtlose Einheit von anmutiger Homogenität. Diese beiden Künstler verstehen sich blind, hören auf- und miteinander.

Mit Franz Liszts „La lugubre gondola“ (S 134), inspiriert von venezianischen Trauergondeln, bieten sie Programmmusik par excellence: Mit elegischer Melodieführung spüren sie in dieser Fassung den schwankenden Planken nach. Klagend und voller Pathos, doch in keinem Moment kitschig, versinken die beiden Musiker in einer zarten Melancholie. Man muss hier nur einmal versuchen, Bertrands Blick zu erhaschen – unmöglich: Ihre Augen sind in die Ferne gerichtet, weit weg von Raum und Zeit und die Melodie des Cellos schwimmt auf der markanten Akkordsprache Amoyels, bis beide schließlich sphärisch im seidigen Finale entschwinden.

Bereits dieser Auftakt umschreibt das Niveau des Abends trefflich und eine kleine Nebensächlichkeit verdient Aufmerksamkeit: Gelegentlich verfängt sich eine Haarsträhne der Solistin in einem der Wirbel – ein Bild, das Bände spricht: Emmanuelle Bertrand scheint mit ihrem Instrument wie verwachsen, spielt mit einer Expressivität, die sich kraftvoll entladen kann und auch Momente inniger Zärtlichkeit schenkt. Ihr lyrisches Spiel steigt aus dem samtig-dunklen Klang und windet sich mühelos in lichte Höhen.

So liegt man durchaus nicht verkehrt, meint man in der Sonate Nr. 1 c-moll op. 32 von Camille Saint-Saëns ein Belcanto zu hören, ähnelt das Cellospiel – und besonders dieses – doch der menschlichen Stimme: Bertrand scheint durch ihr Instrument zu singen, was besonders auch in den folkloristischen Partien von Edvard Griegs Sonate a-moll op. 36 zu spüren ist. Und Amoyel ist hierbei mit wohl dosiertem Anschlag stets ein brillanter Liedpianist.

Keine Frage – diese Epoche liegt ihr genau so intensiv wie ihm. Und wieder ist es dieser Blick, der jetzt nicht mehr entrückt ist, sondern begeistert zwischen Notenblatt und Partner flackert. Da sind diese verspielten Dialoge bei Saint-Saëns, in denen sich die perlenden Läufe um den Hals des Cellos zu schmiegen scheinen, dieses köstliche, barock anmutende Thema im Andante des zweiten Satzes, das die beiden ironisch-zierlich vorspielen und nachahmen; und dann der sinfonische Gestus im Allegro moderato, in dem die beiden Künstler in grandiosen Klangkaskaden glänzen!

Mit der Kleinen Romanze op. 79e Nr. 2 von Max Reger gönnen Bertrand und Amoyel ihrem schon jetzt begeisterten Publikum eine kleine, filigrane Ruhepause um dann mit der Grieg-Sonate noch einmal zu triumphieren. Der Komponist hat dieses Werk den Instrumenten auf den Leib geschrieben, so dass beide Künstler noch einmal ihr ganzes Können zeigen dürfen: jovial-theatralische Gesten im jähen Col legno-Spiel, zartes Aussingen der Melodien im Andante, das gefühlvolle, intensive Spiel des Pianisten, dem auch die kecken Tanzmelodien aus Griegs nordischer Heimat liebevoll-lebhaft gelingen – man könnte die Kritik auch in einem einzigen Begriff zusammenfassen: Wie Emmanuelle Bertrand und Pascal Amoyel miteinander spielen, das ist pure Leidenschaft.

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