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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Delikat dosierte Dynamik

MAINZ – Das Goethezitat zum Streichquartett von den vier vernünftige Menschen, die sich zu unterhalten scheinen, ist schon fast inflationär. Kontur bekommt dieser Satz, wenn diese vier Menschen sich der Quartette Joseph Haydns, in denen der Komponist einen deutlichen Akzent auf das gleichberechtigte Zusammenspiel der Musiker setzte, annehmen.

Diesem Duktus folgte auch das Gémeaux Quartett mit seinem Gastspiel im Mainzer Musiksommer auf vitale Weise. In der intimen Atmosphäre der Antoniuskapelle gedachten sie mit ihrem Spiel des 200. Todestages Joseph Haydns und feierten den 200. Geburtstag Felix Mendelssohn-Bartholdys.

Haydn gebührte als älterem das erste Stück: Sein Streichquartett Es-Dur Hob III:38 gingen Anne Schoenholtz und Manuel Oswald (Violine) sowie Sylvia Zucker (Viola) und Uli Witteler (Violoncello) mit unaufgeregter Vitalität an. Kraftvoll war hier der Wechsel zwischen Dominanz und Loslassen, Soli und Tutti in heiterer Stimmung. Punktgenau traf das Quartett die Stimmungen: das verspielt Tänzerische mit melodietrunkenen Glissandi im zweiten Satz, die dichte Klangschönheit als Duett, Trio und im Tutti im Largo sostenuto und ein energiegeladener Lauf im Presto des vierten Satzes. Erfrischend dann der Schluss: Kurz und knapp mit spannungsgeladenen Pausen spielten die vier Musiker einzelne Sequenzen und man muss das Stück schon kennen, um zu wissen, wann es denn nun wirklich zu Ende war; schließlich ein letzter Akkord und die Musiker standen abrupt auf – verdienter Applaus!

Mit dem Streichquartett Nr. 2 a-moll op. 13 von Felix Mendelssohn-Bartholdy zeigte das Gémeaux Quartett seine leidenschaftliche Liebe zum intensiven Klang: Fast schon symphonisch wirkte das Spiel der jungen Musiker im eruptiven Allegro und idyllisch fein im Larghetto, nachdem sich der akustische Pulverdampf verzogen hatte. Äußerst transparent gelang die Fuge, was im Finale wieder aufgenommen wurde. Auch hier war hörbar, wie blind sich die Streicher aufeinander verlassen können: In traumwandlerischer Sicherheit durchschritten sie galant den dramaturgischen Bau des Werkes und setzten zielsicher ihre klanglichen Akzente.

Was konnte das noch toppen? Um bei Goethe zu bleiben: ein fünfter „vernünftiger Mensch“, der sich in das „Gespräch“ einschaltet. Im zweiten Teil des Konzerts begrüßte das Gémeaux Quartett mit dem Klarinettisten Sebastian Manz einen Virtuosen, der dem bekannten Klarinettenquintett A-Dur KV 581 gefühlvoll neue Seiten abgewinnen konnte. Mit sattem Forte und unwirklich zartem Piano setzte Manz seine Melodien auf den Streicherklang und schien sich tatsächlich mit seinen Künstlerkollegen durch die Musik zu unterhalten. Besonders fein geriet das sinnliche Larghetto mit delikat dosierter Dynamik, das mit seinen weit gedachten Bögen eine wunderbare Ruhe verströmte.

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