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Jan-Geert Wolff

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Gluck-Oper „La Semiramide riconosciuta“ erklingt nach 260 Jahren am Mainzer Staatstheater

MAINZ – Die Frage, wie diese Premiere von „La Semiramide riconosciuta“ ihrem Komponisten gefallen hätte, ist interessant, fehlten doch nicht nur ihm, sondern auch dem Fragenden sämtliche Vergleichsmöglichkeiten: Christoph Willibald Gluck schrieb sein Werk für die Eröffnung des Wiener Burgtheaters im Jahr 1748 – und 260 Jahre lang verschwand es in der Versenkung. Erstmalig nach der Wiener Premiere wurde es jetzt im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters wieder aufgeführt.

Hätte es Gluck also gefallen? Zumindest wäre er durch die komplizierte Bühnenhandlung von Anfang an durchgestiegen: Anne Catherine Wagner spielt die Semiramide in Männerkleidung, die unerkannt als König Assyrien regiert. Aktuell steht die Brautwerbung für Tochter, Prinzessin Tamiri, auf der Tagesordnung. Mit von der Partie sind hier Prinz Mirteo als nicht wiedererkannter Bruder Semiramides, Kollege Ircano und Scitalce als Dritter im Bunde, der unter dem Namen Idreno auch schon mal Geliebter der Königin war. Als Intrigant wirkt noch Sibari, der Vertraute von Semiramide mit, der heimlich in sie verliebt ist.

Wenig Personal zwar, aber die drei Akte mit Happy End haben es in sich und waren nicht nur für Dramaturgin Anne do Paço eine Herausforderung, galt es doch, diese Oper ohne Referenzinszenierung oder -einspielung quasi erneut uraufzuführen. Schon allein dieses Wagnis ist aller Ehren wert!

Dem Librettisten Pietro Metastasio gefiel Glucks Vertonung einst nicht sonderlich und er kommentierte sie als „unerträglich erzvandalisch“. Die aktuelle Wiederentdeckung, die unter anderem der „Arbeitsstelle Gluck Gesamtausgabe“ an der Mainzer Akademie für Wissenschaft und Literatur zu verdanken ist, hatte jedoch etwas von dem „wunderbaren, aber närrischem Feuer“, das der Dichter dem Komponisten bescheinigte.

Die Mainzer Inszenierung von „La Semiramide riconosciuta“ ist eine Kooperation zwischen Theater und der Mainzer Hochschule für Musik: Die Mitwirkenden kommen aus dem Jungen Ensemble des Staatstheaters oder waren Teilnehmer der Internationalen Sommerschule „Singing Summer“.

Und durch die Bank weg wurde hier Großartiges geleistet: Jasmin Etezadzadeh gefiel als triebgesteuerter Raubauz Ircano im mongolischen Gewand, Daniel Jenz sang die Partien des Mirteo mit elegant-noblem Tenor und Dmitry Egorov kam als Trauerkloß Scitalce mit anrührendem Altus daher. Unschuldig und frisch gestaltete Alexandra Samouilidou die Rolle der umworbenen Prinzessin und Amerija Delić gab den Ränkeschmied Sibari mit keck erigiertem, offenbar anlässlich einer Steinigung erstandenem Rauschebart. Über allem thronte Anne Catherine Wagner als maskulin vermummte Königin Semiramide mit herbem Charme.

In Mainz spielt das Ganze in einem Zirkusrund. Aber warum eigentlich? Es gibt wenig Brot, dafür aber umso mehr Spiele. Der weitere Zusammenhang mit dem Stück bleibt im Dunkel der von Albrecht Villinger farbig illuminierten Manege. Hier hat Regisseur Peer Boysen, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnete, ein bisschen viel bunt bepinseltes Sperrholz verbaut. Aber auch die fantasievollen Kostüme hat er sich ausgedacht. Und die illustrieren nebst beherztem Griff in den Schminktopf trefflich die klingenden Intrigen.

Gleichsam als Kapelle über der Manage spielen Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters unter der Leitung von Michael Millard. Und hier zeigt die Aufführung von Beginn an ihre Schwächen: Zu oft klappert es, zu wenig ist der Esprit dieser spätbarocken Klänge zu spüren. Man spielt Musik, freilich: aber man versäumt es, sie auch beherzt zu machen. Mag man auch hier die fehlenden Referenzen entschuldigend ins Feld führen: Fades Spiel bleibt fades Spiel.

Fazit: Mit „La Semiramide riconosciuta“ wurde die Mainzer Musiktheater-Reihe „Gottes starke Töchter“ zur Trilogie ergänzt. Und das ist abgesehen von den orchestralen Schwachstellen bestens gelungen.

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