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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ganz großes Theater

BINGEN – Das Festival RheinVokal hat sich mittlerweile als fester Partner der Spitzen der europäischen Chormusik etabliert, was sicherlich auch an der Dramaturgie der Programme liegt. Hier kredenzen Veranstalter und Interpreten ihren Gästen stets besondere musikalische Höhepunkte, wobei es vor allem immer wieder etwas zu entdecken gilt. Ein solches Konzert bot jetzt das schwedische Ensemble Harmony of Voices unter der Leitung von Frederik Malmberg mit „Oratorio barocco“ in der Binger Basilika St. Martin.

Ein bisschen muss man schon schmunzeln, widersprechen sich die Sänger der Harmony of Voices, die ihrem Namen alle Ehre machen, doch selbst, wenn sie im Oratorium „Vanitas vanitatum“ von Giacomo Carissimi (1605-1674) davon singen, dass alles eitel und nutzlos ist – schlechterdings also auch die Arbeit, die sie in dieses Konzert investiert und das Geld, das der Zuhörer für die Karte gezahlt hat?

Davon kann keine Rede sein: Zwar besingt Harmony of Voices in diesem Werk für fünf Stimmen, zwei Violinen und Basso continuo die „Eitelkeit der Eitelkeiten“, macht das jedoch auf eine berückende und eindringliche Art. Ein Solist nach dem anderen berichtet aus dem Leben und nach und nach schreiben die Sänger eine ganze Biografie aus Taten und Gedanken, Weisheit und Irrsinn, Stärke und Ohnmacht, Freud und Leid, um immer wieder polyphon in den Kehrvers der Erkenntnis einzustimmen: Alles ist eitel.

Durch wechselnde Besetzungen bleibt dieses Lamento spannend und hält mit der fast schon geflüsterten Klage „Ach, ach, wir Arme!“ oder dem fahl gesungenen „Pulvis sunt et cineres.“ – Sie sind Staub und Asche. – dynamische Finessen bereit. Auch der Schluss ist packend, als die Sänger nochmals die Selbstgefälligkeit besingen: Der letzte Akkord wird nicht ausgehalten, sondern stirbt nach kurzem Anstimmen sozusagen kommentarlos ab: Alles ist eitel. Punkt um.

Als instrumentales Intermezzo spielten die Musiker – Ann Wallström und Catalina Langborn (Violine) sowie Per Hansen (Violoncello), Anders Ericson (Theorbe) und Frederik Malmberg (Orgel) – die Sonate XII aus dem zweiten Buch der „Sonate concertate in stilo moderno“ von Dario Castello (1590-1644) mit kontrastreichem Spiel zwischen pointiertem Tempo und breitem, dichtem Klang. Die Dialoge der beiden Violinen steigerten sich über den Diskurs bis zum heftigen Disput und der Gesang des Cellos wirkte, auf dem Orgelakkord ruhend, wie die zuvor gehörten Rezitative.

Eine spannende Geschichte erzählt auch das Oratorium „Mors Saülis et Jonathae“ H. 403, eine Histoire sacrée für zwei vierstimmige Chöre, zwei Violinen und Basso continuo von Marc-Antoine Charpentier (1643-1704). Das dramatische Werk besteht aus zwei Teilen mit jeweils mehreren kurzen Szenen: König Saul führt im Gebirge Gilboa Krieg gegen die Philister und beschwört, da er sich von Gott verlassen fühlt, den Geist Samuels, der ihm den Tod prophezeit, da Saul wider den Herrn gehandelt hat. Nachdem er vom Tode seines Sohnes Jonathan erfährt, drängt er einen Soldaten, ihn zu töten. Daraufhin wird der Kriegsknecht verwünscht und Gilboa droht eine ewige Dürre.

Spannend ist hier jedoch nicht nur der erzählte Stoff, sondern vor allem die bühnengerechte Interpretation durch das Ensemble Harmony of Voices. Hier sei vor allem der Altus von Conny Thimander genannt, der im aufrüttelnden „Rumor bellicus“ zu Beginn auch die Trommel rührte: In der Beschwörungsszene zwischen Saul und Maga, der Hexe von Endor, ließ er vor dem geistigen Auge des Zuhörers mit bleckender Stimme, schneidigem Glissando, dunkel gefärbten Vokalen und zischenden Konsonanten das Bild einer zahnlosen Vettel mit schwarzem Kater auf dem Buckel entstehen.

Auch der Chor malte die Kulisse mit einer bestechenden Lebendigkeit und riss zum Ende mit sattem Klang das Massiv zu Gilboa deutlich auf. Saul, der vom zittrigen Cembalo begleitet Rat bei Samuel sucht und sich vor der von der Orgel untermalten Autorität des Geistes zu rechtfertigen sucht und schließlich die Klage Davids um den König und seinen Sohn Jonathan – die Harmony of Voices spielten hier ohne Frage ganz großes Theater und ersetzten Bühnenbild, Kostüme und Requisite allein durch die Lebendigkeit ihres Gesangs.

SWR2 sendet den Mitschnitt dieses Konzerts an zwei Tagen: Das Oratorium von Charpentier ist am 20. August um 21.15 Uhr im ARD Radiofestival zu hören, das von Carissimi am 1. November um 20.03 Uhr im SWR2 Abendkonzert.

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