Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Musik

Hell strahlende Polyphonie

Auch wenn die Musik des großen Vokalkomponisten Orlando di Lasso (um 1530-1594), einem der bedeutendsten Tonsetzer der Hochrenaissance, einen Repertoire-Schwerpunkt des gleichnamigen Vokalensembles bildet, blieben seine Werke im letzten Konzert des diesjährigen Mainzer Musiksommers ungesungen. In St. Johannis, dem ältesten Mainzer Gotteshaus, erklang dafür „Musik für den Papst“.

Auf dem Programm des Orlando di Lasso-Ensembles unter der Leitung von Detlef Bratschke standen die nicht minder hochkarätigen Namen von Josquin Desprez (um 1450-1521), Guillaume Dufay (um 1400-1474) und Jacques Arcadelt (1507-1568). Alle diese Meister eint ihre Zugehörigkeit zur Päpstlichen Kapelle, die in der Ende des 15. Jahrhunderts errichteten Sixtinischen Kapelle die päpstlichen Liturgien mit zahlreichen Vokalwerken ausgestaltete.

Der für den erkrankten Altus Detlef Bratschke eingesprungene Tenor Raimund Fürst komplettierte das Ensemble aus Cecile Kempenaers (Sopran), Beat Duddeck (Altus), Henning Kaiser und Niels Giebelhausen (Tenor) sowie Tobias Schlierf (Bass). Ausgeglichen und harmonisch intonierten die Sänger in wechselnden Besetzungen die geistlichen Gesänge, wobei sie den lateinischen Text intensiv deklamierten, so dass man an vielen Stellen kaum der Übersetzung im Programmheft bedurfte: Da strahlte die „schimmernde Himmelspforte“ und das „Rufen der verbannten Kinder Evas“ erklang drängend im „Tal der Tränen“.

Auf dem in sich ruhenden Bass erhoben sich die Tenor- und Altstimmen sowie der herrlich gewichtslose Sopran von Cecile Kempenaers und malten mit ihrer an leuchtenden Klangfarben reichen Palette gleichsam hörbare Ornamente in die für diese Musik bestens geeignete Akustik des Kirchenraums. Hier wurde weitaus mehr als makelloser Klang geschöpft: Transparent, mit gut dosierter Dynamik und Feingefühl hielt man stets die Balance zwischen virtuosem Klang und ätherischer Verspieltheit.

Das Orlando di Lasso-Ensemble beherrscht zweifelsohne die große Kunst, diese höchst anspruchsvolle Vokalpolyphonie derart gelassen anzugehen, so dass es sich leicht und völlig ohne hörbaren Kraftaufwand anhört, wenn die Musik wie ein Nebel durchs Kirchenschiff streicht. Mit vollem Ton und exquisit reiner Intonation ließen die Stimmen eine meditativ-innige Stimmung entstehen, die anhielt, auch wenn sie durch den Applaus des Publikums nach jedem Werk ein bisschen getrübt wurde.

SWR2 sendet einen Mitschnitt des Konzerts am 20. Februar 2010 ab 21 Uhr.

zurück