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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Klangreise gen Korsika

MAINZ (25. November 2011). In der Mainzer Christuskirche sind die korsischen Weltmusiker der Gruppe „I Muvrini“ schon seit längerem zu Gast und sorgen immer wieder für ein nahezu komplett ausverkauftes Gotteshaus.

Dabei lässt sich ihre Musik gar nicht auf eine rein geistliche Ebene fokussieren; sie geht weiter, viel weiter: spirituell – das Wort trifft das Musizieren der Brüder Alain und Jean-Françoise Bernardini schon eher. Die Klänge sind universell und schlagen einen unmittelbar in ihren Bann. So auch an diesem Abend, den „I Muvrini“ – benannt nach den Mufflons, Wildschafen, die die Weiden Korsikas bevölkern – im Rahmen der „Spirit of Corsica“-Tour gestaltete.

Ein unverwechselbares Markenzeichen dieser Korsen ist Paghjella, traditioneller polyphoner Männergesang und Teil der insularen Volksmusik: Wie ein Muezzin die Muslime zum Gebet ruft erhebt sich die Stimme des Vorsängers, zu der sich vier weitere gesellen, sie umspielen, Akkorde aufbauen, in Parallelbewegungen modulieren und mit Bass- und Koloraturlinien schmücken.

Anders als beim klassischen Belcanto kommt diese Musik ursprünglicher, kantiger und direkter daher. Doch auch die Bernardini-Brüder und ihre Vokalisten arbeiten natürlich technisch versiert und so mancher Chorleiter wäre glücklich, wenn sich seine Sänger trauten, ihren Stimmen so freien Lauf zu lassen, ohne dabei auf stimmliche Disziplin zu verzichten: Die Paghjella von „I Muvrini“ erfüllt das Kirchenschiff und durchflutet die Herzen der Zuhörer.

Da die „Terra Corsa“, so der Titel einer CD von „I Muvrini“ aus dem Jahr 1997, für manche vielleicht noch immer eine „Terra Incognita“ ist, arbeiten die musikalischen Botschafter auch als Fürsprecher ihrer Heimat, ohne jedoch in den Ruf zu kommen, dies im Aufrag der lokalen Tourismusbranche zu tun: Zu den Gesängen, die meist von Violoncello, Flügel, Gitarre oder synthetischen Klängen begleitet werden, illuminiert man kirchenfensterförmige Leinwände unter anderem mit Bildern aus der Heimat der Bernardinis, die zeigen, wie farbig ihre Lieder die karstige Landschaft, deren Weite und urwüchsige Schönheit widerspiegeln.

Dass aber auch dort wortwörtlich nicht alles in Butter ist, zeigen die von Frontmann Jean-Françoise Bernardini eingestreuten Informationen: So kann sich die Insel schon lange nicht mehr selbst ernähren und importiert beispielsweise Millionen Liter Milch, was die Sänger dazu inspiriert, visuell den Alltag eines elfjährigen Hirtenjungen vorzustellen und zu besingen. Das wirkt genau so eindringlich wie ein anfangs polyphon intoniertes „Agnus Dei“, in liebevoll brüchigem Deutsch rezitierte Gedichtzeilen oder eine aus dem korsischen übersetzte Fabel. Sprachliche Grenzen verschwimmen angesichts der innig vorgetragenen Musik.

Letztendlich ist es die gemeinsam gespürte Liebe zu diesen Klängen, die eng verbindet und Sehnsüchte weckt nach dieser „Terra Corsa“, wo aufgrund kurviger Straßen oder Fährenstreiks alles ein bisschen länger dauert und wo Bäume, Brunnen und Tiere zu den Vertrauten der Insulaner zählen. „I Muvrini“ will diese „Seele Korsikas“ besingen – an diesem Abend hat man das einmal mehr gespürt.

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