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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Ich glaube, hier bin ich am rechten Platz“

MAINZ (29. Oktober 2012). Zum Wintersemester 2012/213 hat der Cellist und Leiter des Neumeyer Consort, der Mainzer Hochschulprofessor Felix Koch, von Prof. Joshard Daus die Leitung des Collegium musicum der Johannes-Gutenberg Universität Mainz übernommen. Im Gespräch erzählt er, wie er dieses Amt in Zukunft ausfüllen möchte.

Schreibwolff.de: Herr Prof. Koch, Sie sind seit dem Wintersemester 2012/2013 Leiter des Collegium musicum der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Was war Ihre Motivation diese Aufgabe zu übernehmen?

Felix Koch: Ich habe mich nicht darum beworben, sondern bin von der Universitätsleitung gefragt worden. An diesem Angebot hat mich fasziniert, dass mein Wirkungskreis an der Hochschule dadurch sehr erweitert wird. Von Hause aus bin ich ja studierter Barockcellist und damit Spezialist für das 17. und 18. Jahrhundert, also für Barock und Klassik. Natürlich habe ich auch modernes Cello studiert und somit Romantik und Moderne im Studium mit erfahren. Die neue Aufgabe ist für mich sehr spannend, da ich an der Mainzer Hochschule ja nur eine halbe Professur für den Bereich Alte Musik und Musikvermittlung sowie Konzertpädagogik habe; jetzt kommt also noch der Bereich der Chorsinfonik dazu, was ich mit großer Leidenschaft angehen will.

Schreibwolff.de: Was begeistert Sie an der Idee des Collegium musicum?

Felix Koch: Die Einrichtung als solche kennen wir ja schon aus dem 18. Jahrhundert. Denken Sie nur an Telemann oder Bach in Leipzig. Diese beiden Komponisten zähle ich durchaus zu meinen Vorbildern. Ich bin ja neben meiner instrumentalen Ausbildung auch Schulmusiker und somit im musikpädagogischen Bereich zuhause, wo ich an der Basis arbeiten kann. Hier in der Universität bietet sich uns eine andere Art der Basis, wenn Sie so wollen eine erwachsene. Und diese Basis wurde in den letzten Jahren sehr erfolgreich mit professionellem Anspruch zusammengeführt. Man konnte also exemplarisch sehen, dass das musikalische Bürgertum mit seinem Laienmusizieren durch professionelle Anleitung mit hohem Anspruch zu unglaublichen Leistungen angespornt werden kann.

Schreibwolff.de: Haben Sie hier schon erste Begegnungen mit Chor und Orchester gehabt?

Felix Koch: Mit dem Orchester ja und gleich in der allerersten Probe hatte ich ein ganz tolles Erlebnis: Wir erarbeiten aktuell Beethovens siebte Sinfonie und sind in dieser Probe durch das ganze Stück durchgekommen – vom ersten bis zum letzten Takt. Und auch wenn das Ganze natürlich noch ordnungsbedürftig klang, war ein solcher Spaß und bei den Musikern in allen Registern eine derart hohe Motivation zu spüren! Alle haben sich da durchgekämpft, waren am Schluss aber glücklich über das gemeinsam Erreichte. Diese Begeisterung zu spüren spornt mich wiederum an, das Feuer, was ich für diese Musik empfinde, an die jungen Musikerinnen und Musiker weiter zu geben. Man muss immer bedenken: Die Mitwirkenden in Chor und Orchester machen das als Hobby neben ihrem Studium oder Beruf!

Schreibwolff.de: Herr Prof. Daus hat das Collegium musicum lange Jahre geleitet – was werden Sie anders machen als er, welche Neuerungen wird es geben?

Felix Koch: Zuerst mal habe ich großen Respekt vor der geleisteten Arbeit. Aber die Zeit steht nicht still und wir werden uns vor allem den neuen Medien stellen, um erst mal eine äußerliche Änderung des Collegium musicum zu erwähnen: Wir werden unseren Internetauftritt überarbeiten und intensivieren, eine Facebook-Seite schalten und über Twitter präsent sein, um das junge, potentielle Publikum, das hier jeden Tag über den Campus läuft, schneller und direkter erreichen zu können. Da kann man zum Beispiel aus einer Probe heraus mitteilen, wie viel Spaß das gemeinsame Arbeiten vielleicht gerade an diesem Tag gemacht hat. Damit können wir den Bekanntheitsgrad des Collegium musicum potenzieren.

Schreibwolff.de: Und haben Sie auch inhaltlich neue Ideen?

Felix Koch: Hier will ich einen deutlicheren Akzent in Richtung historische Aufführungspraxis oder besser historisch informiertes Spiel setzen, denn das gehört ja mit zu meinem Hauptschwerpunkt. Wir haben neben dem Beethoven ja auch schon Händel geprobt und hier konnte ich mit ganz wenigen Ansagen spüren, wie wunderbar das die jungen Musikerinnen und Musiker annehmen und dass wir hier eine gemeinsame Sprache sprechen und verstehen. Als eine meiner neuen Aufgaben sehe ich die Chance, hier ein bisschen neuen Wind rein zu bringen. Nachdem Prof. Daus ja eher im romantischen Repertoire verankert war will ich unsere Programme zeitlich mehr nach hinten ausdehnen, um zur Basis des Musizierens vorzustoßen. Denn wenn man die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis kennenlernt und verinnerlicht, versteht man den romantischen Bereich umso besser.

Schreibwolff.de: Hier hört man deutlich den Barockmusiker in Ihnen. Aber Ihre Professur an der Hochschule beschränkt sich ja nicht auf das Musizieren…

Felix Koch: Genau – und deshalb wollen wir neben der konzertanten Präsenz auch ganz stark in den Bereich Musikvermittlung und Konzertpädagogik vorstoßen. Ich bin der Ansicht, dass jeder Musiker und jede Musikerin eine gewisse Verantwortung hat, wobei es egal ist, ob er oder Sie Laie oder Profi ist. Wenn wir es auf der Bühne nicht schaffen, das Publikum im Saal so zu erreichen und so zu fesseln, dass es sich sagt: „Da muss ich wieder hin, das war etwas Einzigartiges!“ – dann haben wir unseren Auftrag verfehlt. Und das ist etwas, was ich auch hier versuchen möchte ins Bewusstsein zu bringen: Wir haben einen Vermittlungsauftrag. Und den können wir in verschiedenen Konzertformaten erfüllen: moderierte Konzerte, solche, die verschiedene Künste zusammenführen oder Open Air-Veranstaltungen. Das Publikum hat sich gewandelt, weswegen wir auch neue Formen für Konzerte suchen müssen. Und gerade hier glaube ich, dass das mit den jungen Menschen, die im Collegium musicum musizieren, auch wunderbar zu machen ist, denn ein reines Rezipieren im Konzertsaal ist in meinen Augen heute zu wenig. Im Gegenteil: Ein Publikum ist extrem dankbar, wenn es über das Musizieren hinaus noch mehr in das Bühnengeschehen einbezogen wird.

Schreibwolff.de: Bekommen die Mainzer Ensembles, die sich verstärkt mit der Barockmusik beschäftigen, jetzt also einen neuen Konkurrenten?

Felix Koch: (lacht) Ganz sicher nicht, zumal ich Musikerkollegen in der Regel nicht als Konkurrenten sehe! Natürlich werde ich mich mit den Kollegen bezüglich der Programmgestaltung abstimmen, damit nicht zum Beispiel Bachs Matthäuspassion drei Mal innerhalb von zwei Wochen aufgeführt wird. Konkurrenten im eigentlichen Sinne könnten wir ohnehin nicht sein, denn mit dem Collegium musicum habe ich ja ein Ensemble, was sich jedes Semester neu zusammensetzt, während andere Chöre und Orchester ja doch eher auf einen konstanten Stamm an Musizierenden zurückgreifen können. Außerdem kann ich ja nicht nur barocke Musik machen, denn wir haben hier viele begeisterte Musikerinnen und Musiker, die aber auch Instrumente spielen, die in einem rein barocken Programm gar nicht zum Einsatz kommen würden. Entsprechend müssen wir natürlich das Repertoire planen. Aber da wollen wir in Zukunft ebenfalls etwas anbieten, dass die Instrumente, die wir für aktuelle Produktionen nicht einsetzen können, in Kammermusikensembles oder anderen Formationen zum Zuge kommen. Das soll dann natürlich auch zu einem breiteren Konzertangebot abseits der obligatorischen Semesterkonzerte führen.

Schreibwolff.de: Für Ihr erstes Konzert trauen Sie sich und Ihren Musizierenden ein anspruchsvolles Programm zu!

Felix Koch: Richtig – und ich freue mich sehr darauf, weil ich sicher bin, unsere Mitwirkenden durch die Begeisterung herausfordern zu können. Auf dem Programm steht neben der erwähnten siebten Sinfonie von Ludwig van Beethoven das „Dixit Dominus“ von Georg Friedrich Händel – ein Hammerwerk vor allem für den Chor. Man muss bedenken: Ich habe hier einen Chor von rund 100 Leuten, ein Orchester mit aktuell 16 ersten Geigen, 14 zweiten Geigen, acht Bratschen, acht Celli! Wir haben also eine gänzlich andere Ausgangsbasis als wenn ich einen schlank besetzten Chor und ein kleines Barockorchester zur Verfügung habe. Und somit stehen wir vor einer Riesenherausforderung, denn das interessiert im Publikum ja keinen – die wollen tolle Musik auf einem entsprechend hohen Niveau hören! Aber dieser Herausforderung stelle ich mich gerne und werde das Ergebnis am Ende des Semesters auch gerne zeigen. (grinst) Händel hat ja auch mit extrem groß besetzten Chören und Orchestern gearbeitet…

Schreibwolff.de: Sie sind studierter Orchestermusiker. Welche Erfahrungen haben Sie denn als Chordirigent gesammelt?

Felix Koch: Schon während meines Studiums in Mannheim und Karlsruhe habe ich die Liebe zur Alten Musik gespürt. Und als ich zum Studium der historischen Aufführungspraxis nach Frankfurt wechselte, ist sie sozusagen ausgebrochen. Dort merkte ich, dass ich sehr gut mit jungen Menschen und vor allem mit Kindern arbeiten kann, was mich dazu motivierte, nach dem Abschluss als Cellist noch mal Schulmusik mit Schwerpunkt Grundschule zu studieren. Innerhalb dieses Studiums lernte ich auch Chor- und Ensembleleitung und merkte deutlich: Das Singen ist etwas, was einem alles öffnen kann, wo die Seele aufgeht und ich die Menschen, die vor mir sitzen, viel unmittelbarer erreichen kann.

Schreibwolff.de: Funktioniert das nicht mit jedem Instrument?

Felix Koch: Das geht mit dem Cello natürlich auch – mit dem Singen treffe ich die Menschen aber noch viel direkter und kann sie noch mehr mit mir verbinden. Hier spürte ich also ein derart großes Potenzial, dass mich weiter in dieser Richtung arbeiten ließ. In Saarbrücken gründete ich an der Akademie für Alte Musik des Saarlands den Neumeyer-Kammerchor, der sich drei bis vier Mal im Jahr zu Konzertprojekten trifft. 2009 haben wir als erstes Konzert Händels „Messiah“ gemacht, den wir dann sogar im Rahmen der Frankfurter Domkonzerte aufführen durften. Weiter ging es mit Bachs Johannespassion und dem Magnificat. In diesem Jahr steht Monteverdis Marienvesper an und 2013 alle sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums. Im Neumeyer-Kammerchor erreichten wir recht schnell ein sehr hohes Niveau, was ich auch in meinem Antrittskonzert mit „Barock vokal“ hier an der Hochschule weiterführen konnte. Für mich gehört das Singen absolut zum Muss eines jeden Menschen.

Schreibwolff.de: Ohne Zweifel ein Ansporn für den Musikpädagogen in Ihnen…

Felix Koch: Ich möchte Ihnen gerne von „Primacanta – jedem Kind seine Stimme“ erzählen, dem großen Frankfurter Grundschulprojekt, mit dem wir Lehrerinnen und Lehrer in einem zweijährigen Fortbildungslehrgang wieder dazu bringen, durch die Methodik des aufbauenden Musikunterrichtes ihren Kindern wieder eine grundsolide Musikalisierung in der Grundschule zukommen zu lassen. Das heißt also, dass ihnen ein metrisches, rhythmisches und tonal-vokales, also stimmliches Grundfundament mitgegeben wird, um in der Musikpraxis anzukommen und mitzuwirken. Und durch dieses Projekt, das ich für die Frankfurter Musikhochschule vier Jahre lang leiten durfte, bin ich sozusagen noch mal von Grund auf mit dem Singen in Kontakt gekommen: Wie kann ich das Kindern beibringen? Wie kann ich es schaffen, dass Kinder schon in jungen Jahren musikalische Kompetenzen erwerben und am Ende der vierten Klasse vom Blatt und zweistimmig singen können, um Musik zum festen Bestandteil ihres Alltags werden zu lassen?

Schreibwolff.de: Im Collegium musicum arbeiten Sie mit „älteren Semestern“ zusammen. Betrachten Sie das als eine Art Fortführung des bisher beschrittenen Weges?

Felix Koch: Ohne Zweifel! Und deswegen fühle ich mich mit dieser neuen Aufgabe auch besonders wohl. Im Collegium musicum der Mainzer Universität treffen sich junge Musikerinnen und Musiker aus dem Laienbereich, um gemeinsam auf sehr hohem Niveau Musik zu machen und sich beispielsweise in der Chorsänger-Schola und der Orchesterakademie vielleicht sogar noch weiter zu professionalisieren. Ich glaube, hier bin ich am rechten Platz.

Schreibwolff.de: Herr Prof. Koch – vielen Dank für dieses Gespräch.

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