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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Trunken vom Klang

NÜRNBERG (23. Mai 2014). Das Programm der 63. Internationalen Orgelwoche Nürnberg – Musica sacra erinnert nicht nur in der äußerlichen Aufmachung, sondern vor allem auch mit dem Titel an eine Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): „Rausch“ heißt das Motto 2014. Und einen solchen erlebten die Zuhörer des Eröffnungskon-zerts auf eine ganz eigene Weise.

Der Abend stellt Musik des Nürnberger Komponisten Johann Staden (1581-1634) vor und beinhaltet laut Programmheft 32 Nummern, 15 davon mit Chor und Solisten, allesamt beglei-tet von den Ensembles Concerto Palatino und Capella della Torre. Schon allein die schiere Menge an Musik, die einen in den nächsten gut 90 Minuten mit dem Konzerttitel „Venedig in Nürnberg“ konfrontieren wird, macht neugierig auf diesen (noch) unbekannten Meister. Die Vokalwerke stammen aus seiner Sammlung „Kirchen-Music“, deren erster Teil 1625 erschie-nen war, die instrumentalen Partien aus dem „Operum Musicorum Posthumorum Pars Pri-ma“, das 1643, also neun Jahre nach Stadens Tod, editiert wurde.

Was man an diesem Abend hört, hat es in dieser Form also noch nie gegeben: Dank der akri-bischen Arbeit des Kirchenmusikers Hans-Gerhard Dürr liegt die Musik nun als Partitur vor, wodurch der Windsbacher Knabenchor unter der Leitung von Martin Lehmann die komplette „Kirchen-Music I“ in Kombination mit den Instrumentalwerken 389 Jahre nach ihrem Entste-hen erstmals aufführt – und das in St. Lorenz, einer der Wirkungsstätten Johann Stadens!

Schon allein das Wissen um diese Tatsache ist fesselnd: Hier wird etwas wiederentdeckt und man ist dabei – nicht zuhause am Äther, denn das Konzert wird live auf BR Klassik übertra-gen, sondern an historischer Stätte. Dort ist es zunächst mucksmäuschenstill: Der Chor und die Ensembles haben bereits ihre Plätze bezogen. Allein die Ruhe vor dem Konzert bildet be-reits einen faszinierenden Kontrapunkt zum Gewimmel eines Freitagabends in der Nürnber-ger Innenstadt, durch das man sich seinen Weg zur Lorenzkirche bahnen musste.

Und ein „Gewimmel“ wird man auch in den kommenden anderthalb Stunden erleben: Die Musik Stadens ist nicht statisch, sondern lebt vor allem auch durch ihre immer wieder wech-selnden Besetzungen. Die vokalen Partien werden stets mit instrumentalen verbunden, was Chor und Solisten Zeit gibt, ihre jeweils neuen Positionen einzunehmen. Das geschieht lautlos, ist perfekt geübt worden – bewundernswert, wozu selbst die kleinsten Sänger in der Lage sind. Da der Livemitschnitt auch für eine CD verwendet wird, ist ein reibungsloser Ablauf auch der Choreographie eben unerlässlich.

Was aber wird man auf diesem Tonträger hören können? Und was erlebte der Besucher des Konzerts? Stadens Musik ist die eines stilistischen Kosmopoliten, was den Titel „Venedig in Nürnberg“ erklärt. Mal erklingen zwölf Stimmen in drei Chören, wobei auch die Instrumente zuweilen als solche gelten, mal lauscht man schlichter Gregorianik. Mal erklingt ein beeindru-ckendes Tutti, mal ein Duett, Terzett oder Quartett. Das Instrumentarium besteht aus Posau-nen, Violine, Gamben, Zink und Orgel (Concerto Palatino) sowie Altpommer, Alt-, Tenor- und Bassdulzian mit Theorbe, Schalmei und Orgel (Capella della Torre). Die Renaissance ist noch zu hören, der Frühbarock schon zu ahnen: Hemiolen sorgen für mitreißende Rhythmik, und die Modulation in der Polyphonie erschafft sich potenzierende Klänge, die mal aufblühen, mal in spröder Kargheit zu hören sind.

Martin Lehmann hält sich interpretatorisch eher zurück, lässt die sehr textnahe Musik für sich sprechen und macht damit alles genau richtig: Der Klang ist an diesem Abend derart viel-schichtig, dass ein Spiel mit dem Affekt, mit Agogik und Dynamik zwangsläufig leicht zu einer Reizüberflutung hätte führen können: Man hört schließlich nicht nur ein Konzert, sondern eben auch „Kirchen-Music“. Berauschen kann die Kopplung aus Gesang und Instrumenten aber trotzdem, denn es sind die kleinen Effekte, die Lehmann setzt: Ein in ein rasantes Cre-scendo gewandeter Schweller am Schluss, deutliche Betonung einzelner Worte und dann eben dieses Spiel mit dem Raumklang: Mal stehen sich Männer- und Knabenstimmen ge-genüber, mal wird in klassischer Doppelchörigkeit musiziert; dann singt ein Fernchor, intoniert ein Echo. Hier musizieren einfach wunderbare Stimmen – allesamt.

Als Solisten begeistern Hana Blažiková (Sopran), Alex Potter (Altus), Satoshi Mizukoshi (Te-nor) und Dominik Wörner (Bass), ohne Frage. Aber es sind vor allem die acht Solostimmen aus den Reihen des Knabenchores, die ihren reiferen Kolleginnen und Kollegen in nichts nachstehen, ja sogar ein wenig die Schau stehlen: Maximilian Hischer, Marius Kaufmann, Jaro Kirchgeßner, Samuel Krauß, Justus Merkel, Joschka Nehls, Philipp Weiser und Emil Zikarksy heißen die jungen Künstler, die an diesem Abend wie selbstverständlich Großartiges leisten.

Denn gerade bei dieser Musik, die für alle ja vollkommen neu ist und bei deren Vorbereitung man sich auf keine Referenzen beziehen konnte, besticht, mit welcher Innigkeit sie gesungen wird. Zwei Chöre bleiben einem noch lange im Gedächtnis: Der finale Jubel in Psalm 46 – „Gott ist unser Zuversicht und Stärk, ein Hilf in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ – und das Stück zuvor, der Choral „Wenn mein Stündlein vorhanden ist“ von Nikolaus Herman aus dem Jahr 1560: Hier bedenken die Stimmen ihren nahenden Tod und ihre gewisse Ge-borgenheit bei Gott. Den Windsbachern gelingt das derart anrührend weil offenbar wissend, worüber sie hier singen, dass man sich immer wieder vergegenwärtigen muss, dass man hier Knaben und junge Männer hört – grandios!

Natürlich ist es Wagnis und Herausforderung, ein ganzes Konzert mit Musik zwischen Spät-renaissance und Frühbarock zu gestalten. Doch sehr schnell fühlt sich der Zuhörer gerade hier gut aufgehoben – vor allem durch das vitale Zusammenspiel aller Beteiligten. Und er lässt sich gerne forttragen in diese® Klangwelt, in der die Windsbacher mit ihrem Ton, der sich von der metallenen Exaktheit hin zu einem wärmeren, verbindlicheren Strahlen gewandelt hat und der hier perfekt passt, gute Weggefährten sind. Gemeinsam kann man sich denn auch tatsächlich einem Rausch hingeben – die einen als Musiker, die anderen als Zuhörer. Und diese Cuvee aus 1625er und 1634er Johann Staden ist hierfür eine wundervolle musikalische Kreszenz.

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