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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Bekannte Bibelverse in neuem Licht

MAINZ (26. März 2017). Die Konzerte des Kammerchors Rheinhessen drehen sich laut eigener Ansage um das Werk Johann Sebastian Bachs, was natürlich die von ihm beeinflussten Epochen genauso einschließt wie die Musik davor, die ihre Spuren bei Bach selbst hinterlassen hat.

Nachdem das Ensemble im vergangenen Jahr die Johannespassion (BWV 245) aufgeführt hatte, widmete man sich jetzt einem Vorgängerwerk: der „Historia des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heylandes Jesu Christi nach dem Evangelisten St. Johannes“ von Heinrich Schütz (1585-1672). Zuvor erklangen in der Kirche St. Laurentius in Ebersheim die Motette „Unser Leben ist ein Schatten“ von Bachs Großonkel Johann (1604-1673) und Auszüge aus den „Deutschen Sprüchen von Leben und Tod“ Leonhard Lechners (1553-1606).

Stefan Weiler ist ein kundiger Dirigent, der mit seinen (zuweilen etwas zu ausführlichen) Anmerkungen das Textheft ersetzt, auch wenn gerade bei Lechner die vertonten Sinnsprüche in gedruckter Form sinnvoller gewesen wären. Der Renaissancemeister, seinerzeit als „gewaltiger Componist und Musicus“ verehrt, vertonte in seinen „Deutschen Sprüchen“ kurze Epigramme in prägnanter Form, was dem Kammerchor Rheinhessen bestens lag: Das transparent besetzte Ensemble gefiel im polyphonen wie im madrigalhaften Satz mit homogenem Lauf und gut durchhörbarer Diktion.

Gleiches galt auch für Johann Bachs „Unser Leben ist ein Schatten“, eines der wenigen überlieferten Werke dieses Komponisten. Wie bei Lechner geht es auch hier um den Jammer des irdischen Daseins und die Kraft, die aus dem Glauben kommt. Dabei stehen sich zwei Sängergruppen im Dialog gegenüber, die kontrastierend Worte aus der Heiligen Schrift und Choralverse intonieren; ein „Chorus latens“, hier als Fernchor unsichtbar aus der Sakristei tönend, gibt dem Satz sphärische Kontur. Auch bei Bach überzeugte der Wohlklang des Kammerchors – vor allem bei den eingearbeiteten sprachlichen Finessen, wenn gleichsam das Totenglöckchen läutet oder die Schatten tonal entfleuchen.

Hauptwerk des Abends war die rund 40-minütige Johannespassion von Schütz, in der die entsprechenden Bibelverse noch ohne Instrumentalbegleitung, Arien und betrachtende Choräle zu hören sind. Obgleich vergleichsweise spröde hat diese auf den reinen Passionstext reduzierte Wiedergabe etwas ungemein Eindringliches: Mit Bravour meisterten Tenor Jean-Pierre Ouellet als Evangelist und Bariton Raimund Stehmann (Christus) gemeinsam mit verschiedenen Soli-Loquenten aus den Reihen des Chores die Mammutaufgabe, das Publikum zu fesseln, indem sie das sattsam bekannte Passionsgeschehen in neuem Licht erscheinen ließen. Einzig die vierstimmigen Turba-Chöre sowie Eingangs- und Schlusschor fächern die Musik klanglich auf; das Werk schließt mit den Versen „O hilf, Christe, Gottes Sohn“ von Michael Weiße (1488-1534), die auch Bach 69 Jahre später als vorletzten Choral seiner Johannespassion wählen sollte.

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