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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Vitaler Vivaldi mit Showeffekt

EBERBACH – Kurzer Meinungsaustausch zweier Konzertbesucher in Kloster Eberbach nach Vivaldis G-Dur Konzert „alla rustica“ (RV 151): „Ein bisschen viel Show“, meint der eine und bekommt die Antwort: „Vielleicht, aber bei Vivaldi passt’s.“ Immerhin spielt hier zum Rheingau Musik Festival das Kammerorchester Basel. Und dessen Heimatort ist ja schon eigentlich Garant per se, keine spröde Barockmusik zu fiedeln.

Nein, die Baseler unter der Leitung von Konzertmeister Florian Deuter spielen mit einer Leichtigkeit, für die das unvermittelt einsetzende Presto des Vivaldi-Konzerts steht: Kaum hat der Klangkörper seine Bühnenplätze eingenommen, geht’s auch schon los. Mit ungeheurer Spielfreude werden die Echoeffekte pfiffig eingesetzt und im Adagio kosten die Streicher die Akkorde leidlich aus. Zu viel Show? Gegenfrage: Wie will man das Œuvre des Meisters denn sonst hören?

Etwas anderes ist die Frage der Optik, denn der erste Solist des Abends überspannt den Bogen doch arg: Maurice Steger wedelt während Telemanns Konzert für Altblockflöte, Streicher und Basso continuo F-Dur (TWV 51:F1) mit seinem Instrument derart affektiert (und asynchron) herum, dass man sich fast schon im Tanztheater wähnt.

Ohne Frage spielt Steger brillant mit mehr als flinkem Tempo, pittoresken Verzierungen und im ansprechenden Dialog mit den Streichern. In Corellis E-Dur-Sonate op. 5 Nr. 11, in der der Flötist den Solopart der Violine übernimmt, reizt er das Accelerando aber zu sehr aus, was die Harmonie mit dem Orchester beeinträchtigt und ihn dazu zwingt, das Tempo wieder zu drosseln. Gelegentlich stellt sich die Agogik eben auch selbst ein Bein. Aber abgesehen davon beeindruckt das sportive Spiel Stegers. Und das „abgesehen davon“ kann man durchaus wörtlich nehmen: Wem der schmachtende Blick des Solisten und sein „rührendes“ Turnen zu viel wird, der schließt einfach die Augen und genießt schlicht die unbestrittene Virtuosität des Spiels.

In puncto Qualität gänzlich ebenbürtig, in Gestik jedoch das krasse Gegenteil ist die zweite Solistin Sol Gabetta, die sich zwar nicht minder der Musik hingibt, dies jedoch voll in ihr Cellospiel einfließen lässt: Wie selbstverständlich fliegen ihre Finger in Vivaldis Solokonzert F-Dur (RV 410) über die Saiten. Im Allegro scheint das Cello mit singender Stimme eine Geschichte zu erzählen, das Largo gelingt entspannt mit einer zarten Wärme.

Der Höhepunkt des Konzerts aber ist zweifelsohne „Der Winter“ aus op. 8, „Le quattro stagioni“ – schon allein, weil man ihn mal ohne die anderen Jahreszeiten zu hören bekommt. Den Solopart der Violine hat hier das Cello inne und Gabetta bezaubert mit zitterndem Klirren im Allegro non molto, verströmt im Lago vor dem Pizzicato der Streicher eine behagliche Ruhe und führt das Konzert in ein berauschendes finales Allegro.

Gemeinsam mit dem pointiert und punktgenau intonierenden Kammerorchester Basel klingt nach dieser Leistung das Zusammenspiel der beiden Solisten in Telemanns Konzert für Blockflöte, Viola da gamba (respektive Violoncello), Streicher und Basso continuo in a-moll (TWV 52:a 1) fast schon wie die Zugabe nach einem effektvollen Abend mit der Musik der Klassiker Vivaldi, Corelli und Telemann. Der Titel des Konzerts versprach wahrlich nicht zu viel: „Baroque Pleasure“.

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