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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Klang, der sich selbst genügt

EBERBACH (12. September 2010). Das Mainzer Kammerorchester genießt auch weit über die Grenzen der Stadt einen guten Ruf, wofür auch seine rege Konzerttätigkeit sorgt: Regelmäßig ist man zu Gast in der Binger St. Rochus-Kapelle oder in Kloster Eberbach. In der dortigen Basilika startete das Ensemble mit einem interessanten Programm in die neue Saison: Mozart traf hier auf Gregorianik, kunstvolle Komposition auf schlichten Gesang, der seine Wirkung gerade aus seiner Schmucklosigkeit zieht.

Bemerkenswert war diese Stil-Collage auch deshalb, weil sich die Gregorianik als einstimmiger, unbegleiteter liturgischer Gesang in lateinischer Sprache eigentlich für eines überhaupt nicht eignet: nämlich Teil eines Konzerts zu sein. In der Korrespondenz mit Arien aus Mozartscher Kirchenmusik jedoch ergab sich eine ansprechende Melange: Wie meditative Ruhepunkte, Inseln zwischen dem notierten „Wellengang“ der Stücke Mozarts, erklang der Gesang einer elfköpfigen Schola mit Sängern des Mainzer Domchores und der Fratres der Zisterzienserabtei St. Heiligenkreuz in Österreich. Hier wurde auch die erfolgreiche CD „Chant – Music for Paradise“ eingespielt, die den unverfälschten gregorianischen Choral einem breiteren Publikum nahebrachte.

Natürlich bot auch Mozart solch introvertierte Momente: In der Interpretation der Sopranistin Johanna Zimmer war dies intensiv im „Et incarnatus“ aus der c-moll-Messe (KV 427) ebenso zu spüren wie im „Ave verum corpus“ (KV 618). Hier schienen sich Solistin und das Mainzer Kammerorchester in kraftvoll dichter Linienführung gleichsam zu umarmen, wobei den Instrumentalisten im kammermusikalischen Duktus immer wieder wunderbare, kleine Dialoge gelangen. Wenn sich der leichte Sopran Zimmers in sauberen Koloraturen in höchste Höhen schwang, um sich alsbald gewichtslos wie ein Schmetterling auf einen Streicher-Akkord zu setzen, waren das Momente von fast schon intimer Innigkeit, die vom kühlen und doch packenden Gesang der Choral-Schola durchbrochen wurde.

Der Choral, wie man ihn beispielsweise von Bach kennt und liebt, ließ übrigens noch über 1000 Jahre auf sich warten: Statt Programm oder Dramaturgie zählt in der Gregorianik nur das in Klang gesetzte Wort Gottes, das die Sänger unter der Leitung von Pater Simeon Wester, Prior des Stifts Heiligenkreuz, in die Weite des Kirchenschiffs schickten. Dieser Klang braucht keine Interpretation – er ist sich selbst genug.

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