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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Klingendes Kaleidoskop

NEUWIED-ENGERS (4. Februar 2012). Musikfreunde hatten sich jetzt in Engers eingefunden, um zur Saisoneröffnung von „Musik in Burgen und Schlössern 2012“ im Saal der Diana drei Werken zu lauschen, deren Unterschiedlichkeit ein berauschendes Klangkaleidoskop schuf, das die Mitglieder des Ensemble Musica – Kalle Randalu (Klavier), Nicolas Chumachenco (Violine), Benjamin Rivinius (Viola), Martin Ostertag (Violoncello) und Božo Paradžik (Kontrabass) – mit dem „Forellenquintett“ von Franz Schubert, Arvo Pärts „Spiegel im Spiegel“ und dem eher selten gespielten Klavierquartett Nr. 2 g-moll op. 45 von Gabriel Fauré im Licht der Musik drehten.

Der Abend begann mit Letzterem, dem der Komponist von Beginn an sinfonischen Geist einatmete. In der wellenförmigen Entfaltung der einzelnen Themen erinnert gerade das g-moll-Quartett an Schubert: schwungvolle Dramatik wechselt mit verhaltener Stimmung. Schwebend das Solo der Bratsche im Allegro zu Beginn, sphärenhaft die Klänge des Klaviers wie vor einem Spinnennetz aus Streicherbögen und ein sanftes Auslaufen wie eine funkelnde Welle am Strand werden jäh abgelöst vom jagenden Allegro des zweiten Satzes und einem Adagio, in dem sich die Künstler bis zur erlösenden Klimax aufzuwiegeln scheinen, um dramatisch ins finale Adagio zu münden.

Randalu, Chumachenco, Rivinius und Ostertag gelang hier das Spezifische von Opus 45 hervorzuheben, jenes Netz thematischer Korrespondenzen, die die einzelnen Sätze überzieht: das massive Hauptthema des ersten Satzes, das von den Streichern unisono vorgetragen wird und dessen Spannung deutlich zu spüren ist, fortwährende Überblendungen, die Mystik des Adagio und das rauschende Finale. 1877 bemerkte Camille Saint-Saëns zu Faurés Musik: „Über Allem liegt ein Reiz, der die […] Hörer dazu bringt, die überraschendsten Kühnheiten als etwas ganz Natürliches hinzunehmen.“

Kühn ist auch das Werk „Spiegel im Spiegel“ von Arvo Pärt – jedoch nicht im Sinne von ausufernden Klangwelten, sondern in seiner Beschränkung: Wie sich Gounots „Ave Maria“ auf die stets gleichen und doch immer wieder modulierten Intervalle in Bachs C-Dur-Präludium legt, schmiegt sich der ruhige Geigen-Ton Chumachencos in Randalus sanftes Klavierspiel. Endlos, wie ein Spiegel im Spiegel, fließt die Melodie schwerelos dahin und umkreist den Begriff der Ewigkeit, deren Ruhe immer wieder durch etwas stärker angestoßene Töne, Pärts „Tintinnabuli“ (lateinisch: Glöckchen) durchdrungen wird. Welch ein Übergang von der Opulenz Faurés zum Verspielten Gestus in Schuberts A-Dur-Quintett!

Sicherlich war es auch zu Schuberts Zeiten mal so bitterkalt und seine „Forelle“ aus dem gleichnamigen A-Dur-Quintett (D 667) dürfte sich dann wohl kaum so munter in ihrem Wasserbett getummelt haben, wie es das Ensemble Villa Musica jetzt mit der Wiedergabe dieses Klassik-Klassikers trefflich illustrierte. Hier konnte man sogleich Zeuge einer physikalischer Gesetzmäßigkeit werden, ist doch die Dichte des Wassers ungleich höher als die der Luft. Und so bestachen die Künstler gleich im Allegro vivace des ersten Satzes mit einer delikaten Klangkonsistenz, der es zu keinem Zeitpunkt an Transparenz gebrach. Im Gegenteil: Das quirlige Miteinander der einzelnen Instrumente und die butterweichen Soli der Streicher vor dem markanten Klavierpart des Pianisten schufen lichte Momente von ätherischem Swing und fasst meinte man zuweilen Pärts „Tintinnabuli“ zu hören.

Auf das filigran verspielte Andante des zweiten Satzes folgte das Ensemble mit einem knackig ohrenfälligen Scherzo, um im anschließenden Andantino das „Tema con variazioni“ in allen Instrumenten anzustimmen: melodiös die Geige, leicht und fließend der Flügel, von der Violine im Diskant filigran ausgeschmückt die Bratsche, der Bass satter Grund und neckisch das Cello. Wer Ohren hatte, hörte es und wer den Musikern bei ihrem Spiel zuschaute, konnte die Freude am gemeinsamen Musizieren auch im finalen Allegro giusto nicht übersehen, dessen tänzelndes Thema nicht nur die Künstler mitriss.

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