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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wie in einem französischen Film

MAINZ (19. Februar 2016). Noch ist niemand auf der Bühne des Frankfurter Hofs zu sehen. Das Publikum nimmt langsam seine Plätze ein, aus den Lautsprechern tröpfelt ein bisschen Jazzmusik. Doch im Hintergrund steht es bereits, einer der wichtigsten Protagonisten bei einem Konzert mit Lydie Auvray: das silberne Knopfakkordeon.

Und auch die Künstlerin scheint in ihrem Instrument durchaus mehr zu sehen als ein rein klangtechnisches Gerät, denn bevor sie „Accordeon“ von Serge Gainsbourg spielt, meint sie: „Wenn er uns gekannt hätte, hätte er das Lied für uns beide geschrieben.“ Und zeigt dabei auf sich und ihr Akkordeon.

Lydie Auvray stellt gemeinsam mit ihren famosen Musikern Eckes Malz an Keyboard und Percussion sowie Gitarrist Markus Tiedemann ihr neues Album „Musetteries“ vor – mittlerweile sind es rund 20 Platten, die sie in Mainz recht merkantil anpreist. Aber egal: Man ist ja wegen der Musik gekommen und nicht wenige nutzen die Chance, sich ein Stück dieses wunderbaren Konzertabends auf dem Silberling mit nach Hause zu nehmen.

Es sind aber auch ergreifende Stücke, die sie da eingespielt hat: Zum Beispiel „Pour toi“ (zu Deutsch: Für Dich), das sie ihrem Vater widmet, der so gerne selbst Musik gemacht hätte und sich immer am Spiel seiner Tochter erfreut hat. Das ist ja eigentlich nur eine kleine Anekdote, die Auvray da erzählt. Aber sie gewährt dem Publikum einen intimen Einblick in ihr Seelenleben – über den hinaus, den sie mit ihrer Musik ohnehin schon schenkt.

Da ist das Meer, das sie liebt und ohne das sie nicht leben kann: „Berge sind auch schön – aber eher im Kalender.“ Das gleichnamige Lied dazu lässt vor dem inneren Auge tatsächlich die raue See aufschäumen: Atmosphärisch dicht und reich an Assoziationen spielt Auvray gleichsam eine Geschichte – gerade bei diesem Lied möchte man ihr ewig zuhören und fühlt sich wie von Wellen davongetragen.

Erklingt ein Akkordeon, ist das Klischee nicht fern: Paris, ein Glas Wein, die Seine, Musiker, Tänzer – gleich kommt sicherlich einer im Ringel-Shirt mit Barett, Baguette und Zigarette um die Ecke. Doch für Auvray sind das keine kitschigen Erinnerungen. In „Guingette“ spielt sie Tanzmusik, wie sie tatsächlich früher in Ausflugslokalen zu hören war: „Denken Sie an alte französische Spielfilme.“ Und so, wie die Musik hier einst die Farbe ersetzte, kolorieren Auvray und ihre Musiker die Fantasie ihrer Zuhörer.

Virtuos fliegen ihre Finger über die Knöpfe – wie auf einer Schreibmaschine, als würde sie das Bild, das sie musikalisch beschreibt, mit Tango und Chanson für eine spritzige Novelle festhalten. Lydie Auvray sagt tatsächlich viel mit und in ihrer Musik: Über die Liebe, über das Verlassenwerden, das Wiederkommen. Und wenn sie vor ihrem Lied „Cohabitation“, in das afrikanische Rhythmen einfließen, sagt: „Das klappt doch gut – zusammen zu leben“, erntet sie dankbaren Szenenapplaus. Die folgende Musik gibt ihr – und dem Publikum – Recht.

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