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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Letztendlich bleibt die Hoffnung

MAINZ (5. November 2017). Am gleichen Tag, an dem die Mainzer Singakademie in St. Stephan Joseph Haydns lebensbejahende „Schöpfung“ aufführte, widmete sich der Mainzer Domchor unter der Leitung von Domkapellmeister Karsten Storck mit dem Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart dem Ende des Lebens und der Trauer. Dennoch hatte seine Interpretation etwas Tröstliches und in Kombination mit Felix Mendelssohn Bartholdys Vertonung von Psalm 42 schließlich auch etwas Lebensbejahendes.

Storck führt das bestens aufgelegte Mainzer Domorchester zu Beginn des Konzerts mit weit ausholendem Schwung. Dies wird sich auch bei Mozart fortsetzen und schenkt dem Abend eine stilistische Klammer, hinter der auch eine Aussage steht: Geht es bei Mendelssohn um die Geschichte des Zweifelns und Fragens, Hoffens und Glaubens, steht am Ende die Zuversicht: „Was betrübst Du Dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott!“

Diesen Part gestaltet Storck mit der Domkantorei, die markant und textorientiert intoniert. Verkörpert von Sopranistin Sabine Götz pendelt der Mensch hier zwischen Gottesferne und Vertrauen. Mendelssohn hat diesen Spannungsbogen meisterlich komponiert und genauso halten ihn die Musizierenden von Anfang bis Ende. Sowohl im Tutti als auch mit Frauen- und Männerchor überzeugt die Domkantorei auf ganzer Linie und ergibt mit der Solistin und dem Orchester einen anrührenden Dreiklang. Transparente Fugen, ein romantisches Feuerwerk am Schluss – Storck zieht hier buchstäblich alle Register.

Dann geht der Domchor vor dem Altar in Stellung und man fragt sich, wie viele da wohl noch kommen mögen? Neben rund 50 Männerstimmen treten die Knabenstimmen mit über 120 Sängern an! Der Domkapellmeister lässt an diesem Abend auch die jüngsten des Chores, die Viertklässler, mitsingen. Klagen andere Ensembles über Nachwuchssorgen, ist auch dies ein Zeichen für die Lebendigkeit – hier der Musica sacra am Mainzer Dom.

Die jungen Sänger beeindrucken in ganzer Linie – leichte intonatorische Dellen in exponiertester Lage beim Sopran seien nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Ansonsten hört man einen gut aufgestellten Knabenchor, der die Finessen des Requiems voll auskostet: Transparenz bei den knackigen Koloraturen, akzentuierte Diktion, die dafür sorgt, dass im „Dies irae“ gleichsam ein Sturm durchs Kirchenschiff fegt oder das ausdrucksvolle „Rex tremendae“, auch wenn Storck seinen Knaben beim Aussingen der weiten Linie hier wenig Leine lässt. Im „Lacrimosa“ legen die Jungs dann einen zartbitteren Schmelz hin, der unter die Haut geht.

Die Solisten des Abends finden sich überraschenderweise zum homogenen Quartett, obwohl die Einzelstimmen unterschiedlicher kaum sein können: Victoria Braum mit entspanntem Sopran, Regina Pätzer mit voll tönendem Alt und Frederik Bak, dessen glanzvoller Tenor einen aufhorchen lässt. Wie ein jäher Lichtstrahl wirkt diese wundervolle Stimme des einstigen Domchor-Sängers, der die zu opernhaft angelegte Interpretation von Stephan Bootz (Bass) locker ausgleicht.

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