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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Lyrisch und burschikos

MAINZ (17. November 2013). Zur Narrenzeit wird unter anderem in der Rheingoldhalle die Tradition der politisch-literarischen Fastnacht gepflegt. Doch zum jüngsten Mainzer Meisterkonzert vor Ort kam die Satire auch ohne Pappnase aus: Klassische Musik und Spott auf die Herrschenden lässt sich sowohl in Mozarts Ouvertüre „Le Nozze di Figaro“ als auch in der neunten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch finden.

In Mozarts berühmtem KV 492 geht es um ein heikles Sujet, denn in der dieser Oper zugrunde liegenden Komödie „La folle journée“ wird die Kritik am Adel laut, weswegen sie zuweilen auch auf dem Index stand. Schon die Ouvertüre spiegelt den Inhalt des Bühnenspektakels: Stets in Bewegung agieren die musikalischen Figuren, die dann im gräflichen Paar Almaviva und den Bediensteten Figaro und Susanna Gestalt annehmen. Diese Vitalität griff die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz trefflich auf und Dirigent Marcus Bosch setzte das Ränkespiel, dieses sich Kriegen und wieder Verlieren schwungvoll und mit spritzigen Tempi akzentuiert um.

Die Sinfonie Schostakowitschs war eine herbe Enttäuschung – allerdings nicht für das Mainzer Publikum, sondern für Josef Stalin: Das Staatsoberhaupt fand keinen Gefallen an der Es-Dur-Sinfonie op. 70, da sie statt Verherrlichung des Systems eher dessen Karikatur war. Der Komponist schrieb mit seiner neunten Sinfonie ein doppelbödiges Werk, in dessen Formvollendung sich stets Sarkasmus und Ironie spiegeln.

Auch diesen Impetus umrissen die Musiker des Abends scharf und folgten des Komponisten Spiel mit der Tradition, das den Zuhörer in ein Wechselbad der Gefühle stürzt: Melancholische Holzbläserkantilenen wechseln hier mit prachtvollen Bläserklängen, Trauer trifft auf abgründigen Humor. Die vorwitzige Piccoloflöte zu Beginn und diese Schwere im Largo, die durch das kecke Fagott aufgelöst wird! Das Orchester ging die Zweideutigkeit der Musik mit heiligem Ernst an und drückt sie somit umso stärker aus.

Ouvertüre und die Sinfonie bildeten das sinfonische Pendant zum Gastspiel der beiden Schwestern Mona und Rica Bard, die als Duo in Konzerten für zwei Klaviere glänzten: Mozarts KV 365 und das d-moll-Konzert von Francis Poulenc boten den Künstlerinnen mannigfaltig Möglichkeit zu zeigen, welch hinreißendes Klangbild blindes Vertrauen zeichnen kann. Gerade Poulencs Musik steckt voller Witz und der Konzertsaal wurde plötzlich zum Varieté, in dem auch Jazz erklang. Den lyrischen Mittelteil spielte das Duo verträumt ätherisch, das burschikose Finale geriet markant.

Und der Mozart? Besonders hier hörte das Publikum, dass auf der Bühne Geschwister wortwörtlich miteinander spielten und damit dem Komponisten auf geradezu intime Art nahe kamen: Mozart hatte dieses Konzert anfangs für den Hausgebrauch geschrieben – und damit zuvorderst für sich und seine ältere Schwester „Nannerl“. Mona und Rica Bard gefielen hier sowohl im musikalischen Wettstreit als auch in der gegenseitigen Ergänzung: Vor allem im Andante verschmolzen die Soli mit dem feinsinnig intonierenden Klangkörper hörbar als Schwestern auch im Geiste.

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