Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Musik

Überholtes Barockverständnis

MAINZ (4. Januar 2017). Das jüngste Mainzer Meisterkonzert mit Streichern der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Shunske Sato (Violine) und Albrecht Mayer (Oboe) präsentierte ein für diese Reihe eher ungewöhnliches Programm: Werke von Antonio Vivaldi, Giuseppe Sammartini, Allessandro Marcello und Pietro Castrucci. Das klang erst mal spannend: Wie werden die Musiker eines Sinfonieorchesters mit dieser Musik umgehen? Wie groß wird die Besetzung sein? Wie wird es klingen?

Tatsächlich erlebte das Publikum hier eine Lehrstunde – allerdings darin, wie man Alte Musik heute nicht mehr spielen sollte: Zu groß sind die Fortschritte in puncto historische Aufführungspraxis, zu tief die Erkenntnisse, wie Barockmusik lebendig klingen kann. Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und bei der Staatsphilharmonie aktuell Artist in Residence, dokumentierte indes das überholte Barockverständnis der 1960er Jahre: Opulent besetzte Streicherregister sorgten auf modernen Instrumenten für einen schwammigen und konturlosen Gesamtklang, was an einen Sattelzug erinnerte, der unbedingt die filigrane Choreografie eines Kunstradfahrers nachahmen möchte. Außerdem war das Cembalo am Rand und damit eindeutig falsch positioniert, ist es doch als Metronom das schlagende Herz eines Barockensembles. Da es jedoch kaum durchhörbar war, driftete das Spiel zuweilen arg auseinander.

Natürlich strichen die Musiker keine falschen Noten, doch richtig hörte es sich eben auch nicht an. Der Klang blieb den Abend über indifferent und über weite Strecken eindimensional. Fraglos sind vor allem Sato und auch Mayer großartige Virtuosen auf ihren Instrumenten, was sie durchaus unter Beweis stellten. Doch offenbar hatte das Orchester mit seinem Maestro nicht allzu lange geprobt: Gewiss spielte man zusammen, aber man musizierte eben nicht gemeinsam. Und Musik machte man daher auch nicht: Barocke Werke wollen genau studiert, durchdrungen und verstanden sein, bevor man sie überzeugend interpretieren kann. Statt die klangliche Sprache Alter Musik verständlich zu übersetzen und dann in diesem filigranen Idiom zu parlieren, wurde hier allenfalls rudimentär gemurmelt.

Dem modernen Instrument Mayers fehlt zudem schlicht der warme, blutvolle Ton einer Barockoboe, was der Musik ebenfalls ihre Vielschichtigkeit nimmt. Kein Ersatz war hier die Moderation des Künstlers, die an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten war. So berichtete Mayer unter anderem von Vivaldis Tätigkeit als Dirigent am Ospedale della Pietà in Venedig, angeblich „ein Mädcheninternat wie bei uns in den 1970er Jahren, wo es wohl auch ähnlich zuging“. Und da die jungen Damen hier offenbar vor allem übten, um ihrem Meister zu gefallen, kam es wohl auch zu ähnlichen Verhältnissen „wie wir sie heute von Harvey Weinstein kennen“. Schuster, bleib bei Deinem Leisten!

zurück