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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Aus Musikern werden Musikanten

MAINZ (13. September 2014). Mit Verve sind die Mainzer Meisterkonzerte in ihre Jubiläums-Saison gestartet, schließlich findet die beliebte Konzertreihe 2014 und 2015 bereits zum 30. Mal statt – an Attraktivität hat sie in den drei Jahrzehnten indes nichts verloren.

Die Ouvertüre gestaltete die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Karl-Heinz Steffens vor nahezu ausverkauftem Haus und begrüßte hierzu mit Richard Galliano gleich im ersten Konzert einen internationalen Star auf einem ganz besonderen Instrument: dem Bandoneon.

Dieses wurde von seinem Namensgeber Heinrich Band Mitte des 19. Jahrhunderts als Handzuginstrument entwickelt. Anders als das Akkordeon verfügt das Bandoneon nicht über Tasten, sondern wird mit Knöpfen gespielt. Man bringt es vor allem mit dem Tango in Verbindung, ist es doch wesentlicher Bestandteil eines traditionellen „Orchestra Típica“, das darüber hinaus mit Klavier, Gitarre, Violine, Cello und Kontrabass besetzt ist.

In Mainz kombinierte das Programm das Bandoneon mit großer Sinfonik und spielte Werke unter anderem von Heitor Villa-Lobos (1887-1959), Astor Piazzolla (1921-1992), Alberto Ginastera (1916-1983) und Leonard Bernstein (1918-1990). Dabei glänzte der Solist mit perlendem Spiel, das sowohl die Eleganz und den Stolz der Tangotänzer, als auch die zartbittere Melancholie dieser Musik einfing: Galliano gibt selbst einzelnen Tönen eine dynamische Kolorierung, die staunen lässt.

Anders als ein „normales“ Meisterkonzert hatte dieses drei Teile und zwei Pausen. Nach dem orchestralem Auftakt mit Villa-Lobos‘ „Bachianas Brasileiras Suite Nr. 2“, in der die Staatsphilharmoniker mit sahnigen Einsätzen und cremigen Glissandi sowie burschikoser Jovialität ein farbintensives Landschaftsgemälde zeichneten, entführten sie mit Richard Galliano ihr Publikum in der „Suite Orfeo Negro“, einem Arrangement von Thomas Zoller (*1954), in den brasilianischen Carneval. Und nicht nur hier staunte man über das große Einfühlungsvermögen des Klangkörpers in die anspruchsvolle Rhythmik Lateinamerikas. Vor allem die Musiker am Schlagwerk durften sich hörbar beherzt „austoben“.

Bevor das Orchester im dritten Teil unter anderem mit Bernsteins bekanntem Mambo aus der „West Site Story“ die „Hütte rockte“, wie es Michael Heintz von der Agentur Mainz Klassik zuvor schmunzelnd versprochen hatte, begeisterte Richard Galliano unter anderem in eigenen Werken mit seiner feinnervigen Interpretation des Tango. Meisterhaft und klangprächtig vermittelte er, dass dieser nicht nur ein Tanz ist, sondern ein Lebensgefühl, das nach Freiheit verlangt: Besonders als der Tango während der argentinischen Militärdiktatur Juan Domingo Peróns verboten war, erlebte er eine Renaissance, was der Saisonbeginn denn auch dankbar im Titel aufgenommen hatte: „Libertá!“

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