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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Auftakt mit Festouvertüre

MAINZ (20. September 2015). Eigentlich spricht man ja von New York als Stadt, die niemals schlafe – musikalisch gilt das aber auch für Mainz: Kaum war der Schlussakkord des letzten Meisterkonzerts der Saison 2014/2015 verklungen, stand der Mainzer Musiksommer vor der Tür. Und nach dessen erfolgreicher Durchführung durfte man sich schon wieder auf die nächste Saison der Meisterkonzerte freuen.

Die begann nun mit einem fulminanten Auftritt des Cellisten Valentin Radutiu und der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter der Leitung von Pablo González. Das Programm versprach „Sonne für alle“ – und hielt diese Zusage klanglich zweifelsohne ein.

Dafür sorgte bereits der Auftakt: Die Akademische Festouvertüre in c-moll op. 80 von Johannes Brahms verlieh der Soiree in der Rheingoldhalle einen bewegenden Glanz, zumal der Komponist nach Verarbeitungen von diversen Kommersgesängen im Finale den studentischen Cantus „Gaudeamus igitur“ erklingen lässt – passend für Mainz, wo an der Johannes-Gutenberg-Universität über 36.000 Studierende aus 130 Nationen lernen. Pablo González verlangte der Deutschen Radio Philharmonie ein schmissiges Tempo ab, das die Ouvertüre im Andenken an „Gaudeamus igitur“ so spritzig wie ein frisch gezapftes Bier daherkommen ließ. Der Bläserklang war cremig, die Streicher sämig – ein herrlicher Einstieg in die neue Saison.

Im Interview hatte der Solist des Abends vorab etwas mystisch vom „cremonesischen Klang“ seines 1685 in Cremona gefertigten Instruments gesprochen. Ein Nachfragen wäre sinnlos gewesen, denn wie will man so etwas wie Klang beschreiben, ohne dass die Worte wie Schall und Rauch wirken. Nein, man musste es schon hören – und begriff unmittelbar, was Valentin Radutiu meinte: Der Ton ist unglaublich präsent und doch von butterweicher Geschmeidigkeit. Max Bruchs „Kol Nidrei“, ein Adagio nach hebräischen Melodien für Solocello und Orchester, gestaltete der Künstler kantabel und samtweich. Vor allem in der Tiefe hatte der Ton packende Kraft.

Eine ganz andere Färbung gab Radutiu Joseph Haydns Cellokonzert in C-Dur: ein luftiger Tanz vor üppig besetztem Tutti im Moderato, ein Adagio von elektrisierender Dichte – sein Spiel erinnerte hier an die menschliche Stimme und in teils eigenwilligen Solokadenzen von bizarr-filigraner Klangschönheit intonierte er gleichsam Arie, Rezitativ und Choral.

Wie der Abend begonnen hatte, so endete er auch: mit Brahms. Die zweite Sinfonie in D-Dur op. 73 ist eine von vieren, die der Komponist in zwei Schaffensperioden schrieb. Lange hatte er gebraucht, um sich dieser Form anzunähern: Die erste wurde 1876 aufgeführt, die zweite stellte Brahms 1877 fertig. Das wiegende Allegro, das funkensprühende Allegretto – der Komponist selbst hielt sein Werk für zu melancholisch. Die Deutsche Radio Philharmonie zeigte jedoch, dass dies nicht automatisch etwas mit Traurigkeit zu tun haben muss.

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