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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Berauschendes Finale

MAINZ (13. Mai 2016). Die vier ersten Töne der fünften Sinfonie Ludwig van Beethovens, diese Kadenz gehört wohl mit zur berühmtesten Terz der klassischen Musik. Die fünfte Sinfonie bildete nicht nur das Finale des jüngsten Mainzer Meisterkonzerts, sondern auch das der kompletten Saison: Mit dem Gastspiel des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung von François-Xavier Roth verabschiedete sich die Reihe in die Sommerpause, bevor die Saison 2016/2017 am 30. Oktober startet – dann übrigens wieder mit Beethoven.

Bevor sich das Publikum aber an den Klängen der „Schicksalssinfonie“ erfreuen konnte, musste es sich dies fast buchstäblich verdienen: Beethoven gingen zwei Zeugnisse neuerer Musik voran, die es in sich haben und sich dem Klassik gewohnten Hörer der Meisterkonzerte doch als spannende Herausforderung präsentierten.

Da war zum einen das Werk „Amériques“ des Franzosen Eric Varèse (1883-1965) – Uraufführungen seiner Werke gerieten fast immer zum Skandal. Dabei proklamierte (und praktizierte) der Komponist doch „nur“ die Befreiung des Klangs aus herkömmlichen Mustern, bezeichnete seine Arbeit dabei eher als „Klangorganisation“. „Amériques“ ist opulent besetzt, unter anderem mit Sirene und „Löwengebrüll“: Massive Klangballungen kontrastieren hier mit einer berauschenden Vielfalt an Tonfarben. Wie in Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ fühlt man sich hineingezogen in den Taumel einer Großstadt – statt Spree-Athen aber eher New York: Eine grandiose Klangkulisse bildet den Trubel der Metropole ab, immer wieder jault die Sirene auf. Trotzdem gibt es auch hier wunderbar schlichte Momente – die Synthese von Steigerung und Beruhigung gelang dem Klangkörper beispielhaft und ließ selbst den Puristen aufhorchen.

Gleiches galt für den zweiten „Brocken“ des Abends, das a-moll-Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch (1906-1975), in dem schon der Violinist David Oistrach als Widmungsträger etwas „Böses, Dämonisches, Stechendes“ zu hören meinte. An diesem Abend beeindruckte als Solist der armenische Geiger Sergey Khachatryan mit wunderbar impulsivem Bogenstrich. Da ist das ätherische Ausklingen der Nocturne, das aufgeregte Scherzo – wie schon bei Varèse galt es auch hier, die Spannung zwischen dem intensiven Ausdruck des Leidens, wie er sich einem in der unerbittlich voranschreitenden Passacaglia aufdrängt, und der rustikalen Ausgelassenheit des Finales zu illustrieren.

Vielleicht waren zwei zeitgenössische Werke dieser Ausmaße etwas zu viel des Guten? Egal, denn bei Beethoven griff Roth nach den Sternen, wartete kaum den Begrüßungsapplaus nach der Pause ab: „Seine“ Fünfte ist Sturm und Drang pur! Unbedingte Transparenz in den Piano-Stellen, massive Wuchte, ohne bullig zu wirken – hätte der Bachchor Mainz diesen Slogan nicht schon für sich erkoren, man würde auch hier in „Klängen, die atmen“ schwelgen. Wunderbar, dieses humorvoll-pittoresk hingetupfte Allegro des dritten Satzes, der plötzlich fahl und bedrohlich klingt, bevor Roth im finalen Allegro gleichsam die Sonne durch die Wolken brechen lässt: Das „Warten“ hat sich gelohnt.

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