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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Musik zum Reformationstag

MAINZ (31. Oktober 2017). Das einzige, was am jüngsten Mainzer Meisterkonzert vielleicht ein wenig stört, ist der allzu reißerische Titel: „Soundtrack Luthers“. Zugegeben hat Felix Mendelssohn (1809-1847) in seiner „Reformationssinfonie“ den Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ effektvoll vertont, doch läuft vor dem inneren Auge kein Film ab, in dem beispielsweise Bruce Willis den Luther gibt.

Allerdings spielt die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz genau diese Sinfonie besonders packend und als in der Rheingoldhalle nach und nach die verschiedenen Register die bekannte Choralmelodie intonieren, ist das schon ein wohliger Gänsehautmoment.

Transparent die Klangschichtungen zu Beginn, markant der dynamische Abstand zwischen den Blechbläsern und Streichern, apart tänzerisch das pulsierende Allegro vivace, introvertiert das Andante des dritten Satzes – Dirigent Joseph Bastian geht Mendelssohns Opus 107 forsch an und dokumentiert damit Erhabenheit und Dramatik der Musik gleichermaßen trefflich.

Suchte der Komponist die Brücke zur religiösen Revolution zu schlagen, knüpfen Bastian und die Staatsphilharmonie gekonnt an den Impetus der an diesem Tag zu Ende gehenden 500-Jahr-Feierlichkeiten an: Deren Aussage war ja vor allem, dass Luther uns heute noch etwas sagen kann. Und bei einer so lebendigen Musikinterpretation gilt das eben genau so für Komponisten wie Felix Mendelssohn. Ein kleines Ausrufezeichen anlässlich des Jahrestages wollte auch der Solist des Abends mit seiner Zugabe setzen: Der Violinist Kolja Blacher spielte den ersten Satz der von ihm 2010 auf CD eingespielten d-Moll-Partita von Johann Sebastian Bach.

Und genau diesen barocken Duktus atmete auch seine Kadenz im ersten Satz von Mendelssohns e-Moll-Violinkonzert: Hier erwiesen sich die Staatsphilharmonie als erlesener Partner und Blacher als blutvoller Interpret, obwohl der Geiger seinen Mendelssohn recht ungarisch kostümierte und ihn damit gleichsam in die Rolle einer Csárdásfürstin schlüpfen ließ. Etwas weniger „schluchzende Geige“ hätte es hier sicherlich auch getan. Doch wenn man darüber hinweghörte, blieb Bewunderung – vor allem im furiosen Allegro des dritten Satzes: vielleicht einen Hauch zu schnell, als man es sich allgemeinhin für dieses Stück wünschen mag, doch faszinierend genau musiziert und daher durchaus ein Erlebnis.

Zurück zum Anfang, an dem das Werk „Les Offrandes oubliées“ von Olivier Messiaen (1908-1992) erklang. Und wie schön dies geriet! In diesem Stück ging es dem französischen Tonkünstler darum, die „vergessenen Gaben Gottes“ (so der übersetzte Titel) in Musik zu fassen: Kreuz, Sühne und Eucharistie. Dicht gedrängt und reibungsreich wird das erste Thema vom Orchester eindringlich intoniert: Die Melodie wandert durch die Instrumentengruppen und rührt jeden somit an. Jäh erschreckt einen die Sühne, bevor die Vergebung in Form der Eucharistie erklingt: Dezimierte Streicher zeigen hier, was ein Piano, was ein Pianissimo sein kann: Wie aus einer anderen Welt klingt diese Sphärenmusik und schenkt dem Publikum Momente himmlischer Ruhe und Geborgenheit.

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