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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Nomaden der Musik

MAINZ (16. August 2014). Ein Blick in den bewölkten Himmel wie auf das Thermometer hätte einen am Tag dieses Konzerts den Eindruck vermitteln können, der Sommer würde sich bald seinem Ende zuneigen – und auf die klingende Variante dieser Jahreszeit trifft das tatsächlich zu: Der Mainzer Musiksommer bog mit dem Auftritt des David Orlowsky Trios im Kreuzgang von St. Stephan schwungvoll in seine diesjährige Zielgerade ein; das Finale bestreitet dort am 19. August das Arirang-Quintett.

Mit dem Konzert des David Orlowsky Trios bewies der Mainzer Musiksommer einmal mehr eine beachtliche stilistische Bandbreite: „Weit mehr als nur Klezmer“, hieß es wenige Tage zuvor in einer Vorankündigung und die Künstler des Abends lösten dieses Versprechen mit betörender Vitalität ein: Eine Klarinette, ein Kontrabass und eine Gitarre – mit diesem Gepäck gehen David Orlowsky, Florian Dohrmann und Jens-Uwe Popp auf eine Reise in die Welt der Musik, die Weltmusik. Ihren eigenen Stil haben sie Kammerweltmusik genannt und treffen damit genau den richtigen Ton: Sie fangen die Klänge des Erdenrunds ein und komprimieren sie derart kunstvoll, dass sich auch der kleinste Raum, die engste Kammer unendlich weitet.

Die Inspiration für ihre Werke, die sie im Programm „Chronos“ vorstellen, holen sich die Künstler tatsächlich auf ihren Reisen. Überall fangen diese Nomaden der Musik Impressionen auf und fassen diese in faszinierende Klänge. Dabei weigert sich das David Orlowsky Trio mit Beharrlichkeit, seine Musik einem bestimmten Genre zuordnen zu lassen: Klezmer, Jazz, in der Renaissance wurzelnde Klassik und andalusisches Saitenspiel – Orient trifft Okzident. Und glaubt man, einen Stil erkannt zu haben, reißt sich die Musik los und springt zum nächsten. Die Folklore, die hier erklingt, ist auf keinem Kontinent beheimatet und daher überall zuhause – Kammerweltmusik eben.

Dass derart magische Momente erwachen, liegt nicht zuletzt daran, dass das David Orlowsky Trio aus echten Vollblutmusikern besteht. Wobei der Klarinettist als Namensgeber des Ensembles „nur“ als „primus inter pares“ agiert: Bei der Vorstellung seiner Kollegen freut er sich darüber, nicht nur mit dem „weltbesten Gitarristen“, sondern auch mit dem „weltbesten Bassisten“ musizieren zu dürfen. Man glaubt ihm gerne. Und in der gleichen Liga spielt auch Orlowsky selbst: Er intoniert warme Kantilenen, groovt im rhythmischen Staccato und lässt seine Klarinettentöne so sanft klingen, als würde einem eine Katze um die Beine streichen, um gleich darauf wie ein Hahnenschrei zu crescendieren.

Dohrmanns Bass- und Popps Gitarrenspiel changieren dabei zwischen melodiösem Ton und Percussion. Dass das Konzert im ersten Teil vom Trommeln des Regens begleitet wurde, gab der Musik besonders in den leisen Passagen eine geradezu intime Natürlichkeit, die den sehnsuchtsvollen Duktus wie das feurige Spiel gleichermaßen unterstrich. An diesen Abend wird man sich noch lange erinnern.

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