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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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La voix humaine

WIESBADEN – Für viele kommt sie der menschlichen Stimme am nächsten: die Viola da Gamba. Diesem Ideal fühlt sich auch das Marais Consort verpflichtet und nähert sich auf instrumentalem Wege der reinen Intonation eines klein und bestens besetzten Vokalensembles. Wie gut ihm das gelingt, zeigte das Zusammenspiel mit der Sopranistin Margaret C. Hunter in der Kirche St. Georg und Katharina im Rahmen des Rheingau Musik Festivals.

Durch den Film „Tous les matins du monde“ von Alain Corneau und die begleitende Musik von Jordi Savall wurde der Gambe ein cineastisches Denkmal gesetzt, das die oftmals spröde Musik der Renaissance und des Frühbarock in einem neuen, wärmeren Licht erscheinen lässt. Daran arbeiten auch Ensembles für Alte Musik wie das schon 1978 von Hans-Georg Kramer und Ingelore Schubert gegründete Marais Consort.

Mit einem Programm, das Stücke aus der „Messa della Madonna“ von Girolamo Frescobaldi (1583-1643) mit Werken andere Komponisten seiner Zeit – von denen die bekanntesten noch Claudio Monteverdi (1567-1643) und Don Carlo Gesualdo (1560-1615) sein dürften – vorstellte, entführte das Marais Consort seine Zuhörer in die Welt des „Frottole“, also zwanglose Gesangsstücke auf italienische Lyrik des 15. und 16. Jahrhunderts, und des Madrigals, das als wichtigste musikalische Entwicklung jener Zeit gilt.

Hierbei wechselten sich amouröse und äußerst weltlich-rustikale Inhalte auf erfrischende Weise ab – wie auch die Instrumentalisten im Spiel selbst, ist doch die Notation dieser Musiken keineswegs immer eindeutig. Das Marais Consort – neben Hans Georg Kramer (Diskantgambe) spielten Rebeka Rusó, Brian Franklin und Hermann Hickethier verschiedene Violae da Gamba und wurden hierbei partiell von Ingelore Schubert am Cembalo begleitet – musizierte mit eindringlicher Klangdichte und kantabler Noblesse.

Chromatische Linien wie in den Werken von Giovanni Maria Trabaci (um 1575-1617) oder Gioseffe Guami (um 1535-1611) wurden hier geschmackvoll ausgekostet und dissonante Reibungen in die harmonische Auflösung geführt. Im Canzon supra auf ein Lied von Orlando di Lasso von Ippolito Tartaglino (1539-1582) bewiesen die vier Gambisten reich an Esprit ihre improvisatorische Meisterschaft und rückten den Klang der Saiteninstrumente tatsächlich in geschmackvolle Nähe zum Vokalen.

Dabei klang die Diskantgambe wie eine muskulöse Violine und fein ziselierte Verzierungen wurden mit filigraner Finesse in anrührende Polyphonie eingewoben. Die Schönheit lag hier vor allem im Detail, wenn die Gamben, vom Cembaloklang gleichsam benetzt, die Melodie wie ein Licht von einem Instrument zum anderen wandern und die Modulationen der anderen Stimmen [sic!] überstrahlen ließen. Besonders deutlich wurde dies in den eigenwilligen Werken Gesualdos, der es sich zur Regel machte, die Konventionen der Komposition seiner Zeit zuweilen abenteuerlich zu missachten.

Kurzfristig eingesprungen für die erkrankte Karolina Brachmann gefiel der Sopran Margaret C. Hunters durch eine köstliche Leichtigkeit. Problemlos vermochte sie sich in den Ensembleklang einzufügen, hatte sie doch schon früher intensiv mit dem Marais Consort zusammen gearbeitet. Mit lautmalerischer Impulsivität, doch ohne je auch nur ein Quäntchen Kraftaufwand hörbar werden zu lassen, schien sie über dem instrumentalem Klang gleichsam zu schweben – vor allem in den Schlussnoten, wo sie ihrer Stimme ein delikates Tremolo verlieh.

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