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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Musikalisches Gravitationsfeld

BUDENHEIM (3. August 2016). Der Mainzer Musiksommer zeichnet sich nicht nur durch namhafte Klassikstars und talentierte Nachwuchskünstler aus, sondern auch durch eine beachtliche stilistische Breite und Tiefe, was weit mehr bedeutet, als dass „für jeden Geschmack etwas dabei“ ist. Und nicht erst seit dem vergangenen Jahr, in dem die rheinland-pfälzische Landesstiftung Villa Musica als Partner mit an Bord kam, steht die Kammermusik im Mittelpunkt.

Auch im zweiten Gastspiel in Schloss Waldthausen war dies jetzt der Fall, wo das Trio Bamberg mit Werken von Ludwig van Beethoven und Franz Schubert gastierte. Jewgeni Schuch (Violine) ist Konzertmeister am Stuttgarter Staatstheater, Robert Benz (Klavier) ist Musikprofessor in Mannheim und Alexander Hülshoff (Cello) in Essen sowie Künstlerischer Leiter der Villa Musica. Die Soiree selbst war eines von sechs Konzerten, mit dem die Stiftung das Festival in diesem Jahr bereichert.

Um es gleich abzuhaken, sei der einzige Kritikpunkt hier genannt: Bei Beethovens „Erzherzogtrio“ B-Dur Opus 97 zeigte sich das Spiel des Pianisten vielleicht etwas zu pedal-lastig, was dazu führte, dass dieser Part zuweilen wie ein an den Rändern zu sehr verlaufenes Aquarell anmutete. Außerdem fühlte man sich wegen des doch arg dominanten Anschlags etwas an die Kritik der Uraufführung erinnert, von der der Geiger Louis Spohr berichtete, Beethoven habe auf die Tasten geschlagen, dass die Saiten klirrten, wie das Programmheft anschaulich informiert – etwas weniger wäre hier vielleicht sehr viel mehr gewesen. Gleichviel: Gemessen an der künstlerischen Gesamtbilanz dieses Abends konnte man dies dann doch fast überhören.

Denn das Trio Bamberg zeichnet sich durch ein unglaublich dichtes Miteinander aus, was eine Beobachtung im ersten Konzertteil anschaulich dokumentierte: Da neigt Hülshoff den Kopf aufmerksam wie erwartungsvoll in Richtung seiner Kollegen, als warte er just in diesem Moment auf eine bestimmte Note, einen kleinen Impetus oder Akzent, der wie ein Funke auf ihn überspringt und nach „getaner Arbeit“ seinen Weg durch das Ensemble fortsetzt. Die drei Instrumente greifen wie millimetergenau passende Zahnräder ineinander, ohne dass das Spiel je etwas Mechanisches bekommt – in diesem musikalischen Gravitationsfeld geht auch nicht ein klingendes Joule verloren.

Jewgeni Schuchs Ton ist klar und intensiv, der des Cellisten Alexander Hülshoff ergänzt mit rundem Bariton, Robert Benz‘ Anschlag gut ausbalanciert. Natürlich ist es in Schuberts Es-Dur-Trio Opus 100 (D 929) das Andante, wo diese Harmonie besonders delikat zu Gehör kommt. Und es sind vor allem die kleinen Akzente – ein elegant abgefederter Schlussakkord des ersten Satzes, eine besondere Dramatik, ein streitlustiges Dialogisieren –, die das monumental ausladende Werk kurzweilig tragen. Im ersten Satz entzücken vor allem die an Chopin erinnernden Läufe des Klaviers, die die Streicher wie Spangen einen funkelnden Kristall elegant einfassen. Auch der Beethoven wird zum Erlebnis, vor allem im tiefromantischen dritten Satz mit seinen liedhaften Variationen.

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