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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ein etwas anderes Konzert

MAINZ (24. August 2016). Was für ein Abschluss eines rundum gelungenen und – gemessen an den Publikumszahlen auch erfolgreichen – Mainzer Musiksommer: Das letzte Konzert wurde im Kreuzgang von St. Stephan vom vision string quartet gestaltet – vier brillante, junge Musiker, die Schubert und Schostakowitsch genau so lieben wie Beethoven und Bartók, aber auch einen neugierigen Blick über den klassischen Tellerrand werfen und mit ihren atemberaubenden Cross-over-Programmen beherzt Neuland entdecken.

Jakob Encke und Daniel Stoll (Violine), Sander Stuart (Viola) und Leonard Disselhorst fanden erst 2012 zusammen, haben sich in ihren ersten Jahren jedoch zu einer derart geschlossenen Form entwickelt, dass zwischen das Spiel der einzelnen Musiker kein Rosshaar eines Geigenbogens passen dürfte. Angekündigt war für den Musiksommer „ein etwas anderes Konzert“ mit swingenden Arrangements und Werken eher unbekannter Komponisten, die ihre Fühler bereits mutig in Richtung Jazz ausstreckten.

Den Anfang machte allerdings Haydn – um nach ein paar Takten abzubrechen: Das muss reichen an hehrer Klassik. Das vision string quartet spielt an diesem Abend lieber fünf Tänze von Erwin Schulhoff (1894-1942), dessen Tarantella derart lebendig musiziert wird, dass der berühmte Hummelflug von Rimski-Korsakov wie eine Zeitlupen-Sequenz wirkt. Und im ersten Streichquartett von Alberto Ginastera (1916-1983), einem Lehrer Astor Piazzollas, verzaubert das Quartett mit einem elegisch-introvertierten „Calmo e poetico“ sowie Klängen, die in dieser eindringlichen Interpretation eine grandiose Musik zu einem Film noir abgeben würde.

Am meisten erfrischt jedoch der Jazz, dem sich das vision string quartet mit Haut und Haaren verschrieben hat: Arrangements von Benny Goodman und George Gershwin sowie eigene Stücke werden hier gestrichen, gezupft und gechoppt, wobei die Saiten nur kurz angerissen und somit perkussive Laute erzeugt werden – das für den Jazz eigentlich obligate Schlagzeug brauchen die vier jedenfalls nicht. Aber die Soli, die jeder beisteuert, sind brillant und halten jedem Vergleich mit den Kollegen des renommierten Modern String Quartet stand.

In sympathischen, lockeren und vor allem charmanten Moderationen nehmen Jakob Encke und Daniel Stoll ihr Publikum an die Hand und sofort springt der Funke über. Wie einst Stéphane Grappeli fegen sie über die Saiten, das Cello gibt den groovenden Schlagbass und Geige wie Bratsche werden rasch mal zur Ukulele.

Der vor allem durch Nat King Cole berühmt gewordene Song „Mona Lisa“ der beiden Filmkomponisten Jay Livingston und Raymond B. Evans passt perfekt zum lauen Sommerabend, an dem der „Hailstorm“ (zu Deutsch: Hagelschauer) mit seinen laut Moderation 8192 Noten in gerade mal vier Minuten zum Glück nur das rasante Finale bildet. Manche Künstler kommen öfters zum Mainzer Musiksommer – und die des vision string quartet gehören hoffentlich bald dazu.

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