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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Von Kirchenfürsten und kalten Wintern

MAINZ (18. August 2017). Auch wenn der Trubel um Luther den Sommer über ein wenig nachgelassen hat: Spätestens zum 31. Oktober, in diesem Jahr sogar einmalig zum bundesweiten Feiertag erhoben, wird das Reformationsjubiläum sicherlich nochmals gebührend Wellen schlagen.

Doch man kann sich dem Thema auch von einer anderen Seite nähern und fragen, was die Menschen vor 500 Jahren beschäftigte. Genau das tut das Konzertprogramm „1517 – Mitten im Leben“, das in der Seminarkirche als weiterer Höhepunkt des Mainzer Musiksommers zur Aufführung kam.

Die Interpreten waren dabei zwei Hochkaräter: Das Calmus Ensemble und die Lauttencompagney Berlin touren derzeit (laut Parlamentsbeschluss gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien) durch die Lande und traten zwei Tage nach dem Mainzer Konzert auch im Wormser Dom auf. Das von Ludwig Böhme und Wolfgang Katschner dramaturgisch klug konzipierte Programm mit spannend arrangierten Renaissance- und Barockklängen ist außerdem auf CD erschienen.

Abgesehen von der künstlerischen Höchstleistung an diesem Abend lässt vor allem die thematische Kompilation aufhorchen. Natürlich geht es auch um „Luthers Lehr‘“: in Stephan Zirlers „Ich will fürhin gut päpstlich sein“, einem geradezu kabarettistischen Spottlied, wie in Johann Walters Adaption des 119. Psalms, wo ein „Vive Luthere, vive Melanchthon“ erklingt.

Aber in „teutschen Liedlein“ besungen wurden eben auch schon damals die Natur, der Krieg sowie natürlich (und durchaus derb) die Liebe. Da der Glaube seinerzeit eine ungleich größere Rolle spielte, zieht er sich wie ein roter Faden durch das Programm – als kleine Fußnote, dass es ein Luther mit seiner Botschaft heute trotz Facebook vielleicht nicht ganz so leicht hätte.

Man erlebt also ein großartiges Konzert und mehr: Das Calmus Ensemble aus dem vokalen Schmelztiegel Leipzig geht mit den exzellenten Musikern der Lauttencompagney eine betörende Liaison ein. Ob mit kultivierten Soli, geschmackvoll homogen im Unisono oder transparent aufblühend im polyphonen Klang: Hier sind meisterlich intonierende Stimmen am Werk, die unglaublich entspannt und dadurch umso authentischer musizieren. Gleiches gilt für die siebenköpfige, auf Blockflöten, Zink, Violine, Gambe, Posaune, Gitarren und Lauten farbenfroh spielende Lauttencompagney.

Dieses Entsprechen führt im ersten (und letzten) Lied des Abends, Ludwig Senfls „Geläut zu Speyer“, sogar dazu, dass man kaum zu trennen vermag, wer spielt und wer singt. Originale etwa von Josquin Desprez und Orlando di Lasso oder pfiffig eingerichtete Stücke wie Senfls swingendes „Ach Elslein“, Luthers Choral „Vater unser im Himmelreich“ und das fast schon in Richtung Free-Jazz gehende Volkslied „So treiben wir den Winter aus“ sorgen dafür, dass sich die Vergangenheit gestochen scharf in der Gegenwart spiegelt – eine faszinierende Zeitreise, die das Publikum begeistert.

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