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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Neue Klangräume betreten

INGELHEIM (15. Juli 2014). Tritt ein Trio im Rahmen des Musikfestivals Rheinhessen auf, denkt man in erster Linie natürlich an die klassische Besetzung: Geige, Cello und Klavier. Aber halt: Beim Fratres Trio fehlt das tiefe Streichinstrument und ist durch ein Saxophon ersetzt!

Der Erfinder des gebogenen Blechblasinstruments mit seinem ganz eigenen Klang, Adolphe Sax, würde in diesem Jahr 200 Jahre alt – das Saxophon aber hat ihn überlebt. Und ist jung wie eh und je, auch wenn es seine Karriere vor allem in Übersee startete. Das Fratres Trio holte es mit seinem Gastspiel im Ingelheimer Alten E-Werk zurück nach Europa: „Americans in Paris“ hieß das Programm.

Da ist George Gershwin, der sich mit pfiffigen Arrangements von Fédor Roudine (Violine) die Ehre gibt: „It ain’t necessarily so“, „Summertime“ und natürlich „I got rhythm“. Das groovt. Und das passt: Roudines Saitensprünge glitzern auf den Akkorden des Pianisten Rudolfs Vanks und den Sax-Linien von Hayrapet Arakelyan. Nicht nur die Besetzung des Fratres Trios ist international – auch die gespielte Literatur: Darius Milhaud (1892-1974), Jean-Luc Defontaine (*1965), Marc Eychenne (*1933), Russel Peterson (*1969) und Paul Schoenfield (*1947) – mal sind es Originalkompositionen für die ungewöhnliche Besetzung, mal spielt das Saxophon den Klarinettenpart.

Hayrapet Arakelyan gelingt gerade dies wunderbar: Obwohl auf Blech geblasen erinnert sein Spiel eher an den samtig-weichen Ton der Kollegin aus Holz. In Milhauds Suite „Le voyageur sans bagage“ op. 157b wechseln sich Klavier und Violine im fließenden Dialog mit dem Saxophon ab und man kommt im Finale von der kompositorischen Miniatur zur ausladenden Sinfonik mit pulsierender Bewegung der Basslinie im Klavier. Plötzlich klappt ein weiterer Boden auf und man hört swingende Rhythmen – die Besetzung ist eine Überraschung für sich, die Musik und ihre Interpretation aber auch.

Man hört Defontaines an Fauré und Debussy erinnerndes „Coleurs d’un Rêve“ mit seinen drängend crescendierenden Momenten, die den träumerischen Klangfarben fast schon etwas Plastisches verleihen oder Eychennes „Cantilene“, deren introvertierte Flächigkeit sich mit eruptiver Linienführung weitet – einzig die Brechung der akustischen Demarkation durch eine phasenweise allzu kräftige Dynamik erdrückt so manch kompositorische Finesse gerade in den anregend verstörenden Werken des zweiten Teils: Petersons Trio mit seinem transzendenten Adagio oder Schoenfields explosive Hommage an den Klezmer.

Gleichviel: Die gehörte Virtuosität des Fratres Trios macht diesen Fauxpas rasch vergessen. Der Mut, Ungewohntes ins Rampenlicht zu stellen, zeichnet auch das weitere Programm des Musikfestivals Rheinhessen aus, das bis zum 27. September sieben weitere Konzerte veranstaltet.

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://www.musikfestival-rheinhessen.de.

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