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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Von Seelenblut und Melancholie

MAINZ (28. Oktober 2012). Wo sonst vielstimmiger Chorgesang erklingt, hörte man an diesem Abend nur eine Stimme – die jedoch umso eindringlicher und kraftvoller: Zu einem Liederabend unter dem Motto „Von Seelenblut und Melancholie“ hatte der Bachchor Mainz in seinen Chorsaal eingeladen und präsentierte mit der Altistin Nohad Becker und dem Pianisten Hedayet Djeddikar ein perfekt aufeinander abgestimmtes Duo, das einen interessanten stilistischen Bogen schlug, an dessen Enden die Themen des Abends stimmungsvoll vereint wurden.

Sechs Gesänge Opus 13 von Alexander Zemlinsky (1871-1942), Shakespeare Songs Opus 31 von Erich Wolfgang Korngold (1897-1957), vier Lieder von Richard Strauß (1864-1949) sowie der Zyklus „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler boten den Künstlern mannigfaltige Ausdrucksmöglichkeit, so dass man am Ende dieser Soiree neben begeistertem Applaus zwei Reaktionen im Publikum lauschen konnte: ein genießerisches Seufzen nach den Strauß-Liedern und bereits in der Pause ein schwärmerisches „Was für eine hervorragende Sängerin!“.

In der Tat versteht es Nohad Becker fernab von aller Effekthascherei ihre Lieder empathisch zu intonieren, wobei sie hier in der Rolle der Erzählerin hehre Kunst und sympathische Einfachheit verbindet. Ihr wie selbstverständlich wirkender Liedgesang wird zum fesselnden Rezitativ, das sie mit ihrer vollen und dennoch schlanken Altstimme, die sowohl in der Tiefe als auch in der Höhe phänomenal präsent ist, angeht. Beseelt ausgesungene Intervalle geraten dabei präzis und Intonation sowie Deklamation makellos.

Becker spricht ihr Publikum direkt an: Zwischen Auditorium und Sängerin gibt es die bei anderen Solisten spürbare Grenze nicht. Die Zuhörer merken das und den Abend über stört kaum ein Räuspern oder Rascheln den Vortrag. Stattdessen lässt Becker in Korngolds Shakespeare-Vertonung „When birds do sing“ oder in Mahlers „Ging heut‘ morgen übers Feld“ die Vögel zwitschern, dass man meint, hier werde kein schon oft gesungener Cantus repetiert, sondern die Melodie entstehe im Moment und für diesen. Auch das Lied „Blow, blow thou winter wind“ des englischen Dramatikers ist ein melodiöses Tongemälde, für das Hedayet Djeddikar als einfühlsamer Liedpianist Leinwand und Grundierung stellt.

Bei Strauß und Mahler fühlt sich Nohad Becker hörbar am wohlsten und lotet die Dramatik der Komposition mit wohldosiertem Timbre aus. Das im Titel angerissene „Seelenblut“ des Verzweifelten wird eindrücklich hörbar und der schmale Grat zwischen manischer Lebensfreude und Depression bei Mahler beschreibt die Macht der Melancholie trefflich.

Informationen zum Programm des Bachchors Mainz gibt es im Internet unter http://www.bachchormainz.de.

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