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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Still crazy after all these years

MAINZ (12. Juli 2011). Die Verspätung, mit der nach Auftritten in Hamburg und Berlin das letzte Deutschland-Konzert der aktuellen Tournee von Paul Simon auf der Mainzer Zitadelle begann, nahm man gerne in Kauf: Bis zuletzt bangte man ob der starken Regengüsse, dass das Open air-Event wortwörtlich ins Wasser fallen könnte. Doch kurz vor Beginn schlug das Wetter um – und der Abend war gerettet.

Vor ausverkauften Reihen auf der Mainzer Zitadelle präsentierte Paul Simon mit weiteren acht brillanten Musikern, allesamt instrumentale Multitalente, sein neues Album „So beautiful or so what“ wie die alten Schätzchen wie „Kodachrome“ und natürlich „The sound of silence“. Fast scheint es, als seien die älteren Nummern beliebter bei den Fans – wobei Simon auch aktuell und noch immer sein Talent zu stilistischen Mixturen trefflich unter Beweis stellt.

Es mag ein meteorologischer Zufall sein, aber die Liedzeilen zu Beginn sprechen von „day in the sun“ und von „empty skies“. Die Band geht gleich in die Vollen und eröffnet mit detonierenden Bass- und Trommel-Soli. „Fifty ways to leave your lover“ ist die dritte Nummer mit deftigem Bass-Saxophon und einem Text, der die Percussion toppt: „You just slip out the back, Jack / Make a new plan, Stan / You don’t need to be coy, Roy / […] Hop on the bus, Gus / You don’t need to discuss much / Just drop off the key, Lee / And get yourself free.” Der Bläser-Chorus kommt satt und der Groove stimmt.

Kurz nimmt der leicht anämisch wirkende Simon die Sonnenbrille ab und begrüßt seine Fans: „Hello my friends.“ Und natürlich freue er sich, hier zu sein. Das war’s dann aber auch schon mit der Kommunikation, die an diesem Abend nahezu ausschließlich über die Musik stattfindet. Aber die Unterhaltung des Publikums war ja schon zu Zeiten von Simon & Garfunkel eher die Sache des einstigen Bühnenpartners.

Reden braucht Paul Simon aber auch gar nicht – die Musik genügt vollkommen: In „So beautiful or so what“ erblüht aus dem stampfenden Rhythmus ein kleines Blockflötensolo und tropfen die Klänge des Vibraphons hinein. Die Ballade „Hearts & bones“ mündet in neckisch zitierte alpenländische Folklore, bevor „Slip slidin‘ away“ cool über die Bühne schlendert. Hier lässt Simon seine auch mit fast 70 Lenzen noch immer volle Stimme im Diskant über den Instrumenten schweben und in „Rewrite“ unterfüttert ein Chorus aus gleich sechs Gitarren den Vokalpart.

Überhaupt könnte das Instrumentarium für eine rockige Version von Brittens „Young persons guide to the orchestra“ herhalten: Die Musiker scheinen alle Musikalienhandlungen des Landkreises geplündert zu haben und wechseln mitunter während eines Songs ihre Instrumente, auf denen sie allesamt Meister sind.

Mittlerweile kriecht die Dämmerung über die Mainzer Zitadelle und auch ohne lodernde Flamme kommt so etwas wie Lagerfeuerromantik auf: Paul Simon singt seine Balladen und manches Gitarrensolo wölbt sich mit flackerndem Crescendo über den Gesamtklang. Die Lichttechnik ist dezent: Mal staksen violette Lichtsäulen wie langbeiniges Getier über den Bühnenhintergrund, mal scheinen blaue Stalaktiten von der Decke zu hängen und im geradezu retrospektiven „Here comes the sun“ ist alles in ein tiefes Rot getaucht: „A gift from George to us“, erklärt Simon die eng an Harrisons Original geschmiegte Cover-Version des Klassikers.

Nach über anderthalb Stunden purer Spielfreude und einer pikanten Mixtur aus Weltmusik, saftigem Rock und lässigem Country ist dann Schluss. Der Dialog mit dem Publikum war die Musik und einer der letzten Songs ist „Still crazy after all these years“. Bleibt zu hoffen, dass Paul Simon das noch ein paar Jährchen mit gleicher Authentizität singen – und sagen – kann.

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