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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Genießen geht über Studieren

MAINZ (13. Januar 2018). Weihnachten kommt auch immer früher, wird sich vielleicht mancher Konzertbesucher denken, wenn er am 24. Januar in St. Bonifaz Kantaten des Weihnachtsoratoriums hört. Und zwar dirigiert von einem der drei kundigsten Bach-Interpreten weltweit!

Neben Sir John Eliot Gardiner aus Großbritannien und Ton Koopman aus den Niederlanden ist es vor allem der Japaner Masaaki Suzuki, bei dem man aufhorcht. Nach Mainz kommt er als Artist in Residence von BarockVokal, dem Kolleg für Alte Musik an der Hochschule für Musik.

Neben den Solisten des Exzellenzprogramms werden der Gutenberg-Kammerchor und das Neumeyer Consort musizieren. Dann das Cello spielend bereitet Prof. Felix Koch mit seinem Vokalensemble derzeit die Chorpartien vor: „Es ist eine Ehre, mit Masaaki Suzuki zusammenarbeiten zu dürfen“, betont er. Er selbst hat schon unter seiner Leitung gespielt und bewundert die Exaktheit im Umgang mit der Musik, das Gespür für winzigste Details: „Da ist Demut spürbar.“

Diesen Wesenszug dokumentiert auch Suzukis Antwort auf die Frage, worüber er sich mit dem Thomaskantor am liebsten unterhalten würde: „Ich glaube, es ist besser, wenn man ihm nicht direkt begegnet, denn vielleicht ist er ja gar kein so leichter Gesprächspartner und wäre immer unzufrieden mit unserer Interpretation?“ Suzuki selbst beschreibt seine Empfindungen beim Dirigieren Bachscher Musik als Baumeister einer „mehrdimensionalen Klangkathedrale“. Tatsächlich gelingt es ihm, die Zuhörer unmittelbar in den Bann der Musik zu ziehen.

Was zugegebenermaßen anfangs erstaunlich war: Als Suzuki 1995 mit seiner Gesamteinspielung der Bach-Kantaten begann (das Projekt ist mittlerweile abgeschlossen und wurde 2014 mit dem ECHO Klassik in der Kategorie „Editorische Leistung des Jahres“ ausgezeichnet), war die Fachwelt durchaus überrascht, dass mit dem Bach Collegium Japan ausgerechnet aus Fernost eine so kundige Adaption zu hören war. Dort ist der Umgang mit der westlichen Kunstmusik jedoch schon seit Ende des 19. Jahrhunderts prägend. Mittlerweile sind die Verwunderten zu Bewunderern geworden und als Suzuki 2011 im Rheingau Musik Festival Bachs Matthäuspassion dirigierte, titelte ein Kritiker ergriffen mit „Reportage live von Golgatha“.

Nun hat Suzuki vor allem das Weihnachtsoratorium unzählige Male dirigiert. Ihn fasziniert vor allem der klangliche und strukturelle Variantenreichtum – und zwar „in allen Sätzen“. Dennoch ist für ihn jede Wiedergabe neu: „Im Konzert werden immer noch weitere Details entdeckt.“ Außerdem könne es zwischen den Musikern wie in der Chemie stets zu verblüffenden Reaktionen kommen. Und – diese Einräumung überrascht, denn sie ist kein Understatement: „Keine Aufführung ist jemals perfekt.“ Von dieser Geisteshaltung kann man lernen.

Dass Suzuki in Mainz mit jungen Talenten zusammenarbeiten wird, ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Der Dirigent war mit Preisen bereits hochdekoriert, als ihm die hiesige Universität 2015 den Gutenberg Teaching Award für den interdisziplinären Ansatz in der akademischen Lehre antrug. Dennoch stellt er klar: „Bachs Musik ist nicht dafür da um studiert, sondern um gewürdigt und genossen zu werden. Daran kann man viel mehr über sie lernen.“ Als Suzuki 2016 den Preis in Mainz entgegennahm, betonte er: „Bach beglückt Menschen in aller Welt, seine Musik tröstet das Herz und gibt neuen Mut.“

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